„Deutschland fehlen ehrgeizige Ziele für eine Elektro-Zukunft“


Gründerzeit ist angesagt. Beim „e-monday“ in München treffen sich regelmäßig Trendsetter der Elektromobilität. 100 bis 130 Leute füllen jedes Mal den Saal. Einträchtig sitzen Vertreter des Mittelstands und Banker mit Risikokapitel nebeneinander. Auch Repräsentanten der Umweltverbände, Politik, Automobil-Industrie, Stromkonzerne und Forschungseinrichtungen wollen rechtzeitig bei der Elektro-Zukunft dabei sein.

Damit den Stammtischbrüdern nicht der Gesprächsstoff ausgeht, werden Monat für Monat neue Experten zum Gastvortrag geladen. Am 27. September kam Wolfgang Tiefensee in den Hofbräukeller. Der ehemalige Bundesverkehrsminister bekannte sich gleich zu seinem „Steckenpferd Elektromobilität“. Das kam gut an bei den Vorreitern des lokal abgasfreien Antriebs. Gleichzeitig stiegen die Erwartungen: Was hatte der verkehrspolitische Vordenker der größten Oppositionspartei an Thesen und Wahlkampf-Versprechen mitgebracht?

Tiefensee ist studierter Elektrotechniker und IT-Spezialist. Kein Wunder, dass er den Anspruch der EU und besonders den Deutschlands auf Technologie-Führerschaft bei den Elektrofahrzeugen kritisch hinterfragt: „Ist Deutschland für diesen beinharten globalen Wettbewerb gewappnet?“ Seine Antwort: „Nein, wir werden den Konkurrenzkampf um Zukunftstechnologien gegen Asiaten und Amerikaner nicht bestehen, wenn wir uns nicht stärker engagieren.“ Deutschland sei zwar führend bei Technologien aus dem 19. und 20. Jahrhundert, sagte er in Hinblick auf die Automobil-Industrie mit ihrer starken Position bei konventionellen Antrieben. „Was Deutschland fehlt, sind der Masterplan und ehrgeizige Ziele für eine Elektro-Zukunft.“ Um die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu bewältigen, bräuchte das Land eine ähnlich große Vision, wie sie für die erste Expedition auf den Mond nötig war.

Von Aufbruchstimmung sei hierzulande wenig zu spüren, eher die problembewusste deutsche Mentalität. Dagegen würden sich die Asiaten durch Versuch und Irrtum stärker in noch unerschlossenes Terrain vorwagen. Mittelfristig sei ein Paradigmenwechsel im Verkehr unvermeidbar, so Tiefensee. Die jetzige Mobilität sei für 30 Prozent des Primär-Energieverbrauchs verantwortlich. Das würde die Abhängigkeit von fossilen Energiequellen festschreiben. „Eine Million Elektrofahrzeuge bis 2020 sind daher das unterste Level. Das kann nur ein erster Schritt sein. Beim jetzigen Entwicklungstempo werden wir aber nicht einmal 500.000 E-Mobile in den nächsten zehn Jahren erreichen.“

Tiefensee regte an, mehr in Transportketten zu denken, die das Auto nicht automatisch in den Mittelpunkt stellen: „Wir werden im 21. Jahrhundert eine andere Art der Fortbewegung und der entsprechenden Verkehrsmittel entwickeln“, sagte der Verkehrsexperte und verwies darauf, dass 80 Prozent der Stadtbewohner nicht mehr als sechs Kilometer pro Tag zurücklegen würden: „Wir brauchen ganz andere Angebote für Fahrzeugmiete und Innenstadtzonen, die nur für Fahrzeuge mit geringen Emissionen geöffnet sind“, sagte der 55-Jährige. Wie ein Ausblick auf das verkehrspolitische Programm der SPD, das für Ende Oktober angekündigt ist, wirkte die Forderung nach einem strengeren Klimaziel bis 2050: „Während die jetzige Bundesregierung nur einen Anteil von 80 Prozent an erneuerbaren Energien in ihrem Energiekonzept festgeschrieben hat, fordern wir in der SPD 100 Prozent.“ Der „grüne“ Strom solle dezentraler als bisher erzeugt werden und auch die Batterien von Elektrofahrzeugen als mobile Speicher verwenden.

Um diese Ziele zu erreichen, forderte Tiefensee eine stärkere Anschubfinanzierung: „Wir brauchen bei der Elektromobilität ein Sofortprogramm von ein bis zwei Milliarden Euro, wie wir es 2008 für die Brennstoffzelle initiiert haben.“ Tiefensee wandte sich klar gegen eine direkte Kaufförderung für Elektrofahrzeuge. Priorität habe die Technologie-Führerschaft bei Batterien und anderen Hochvolt-Komponenten. Es gehe vorrangig um anwendungsorientierte Forschung, 80 Prozent der Patente entstünden aus der Produktentwicklung. Wichtig sei auch, mehr Experten für Elektrochemie, Leichtbau und ähnliche Fachbereiche am Standort Deutschland auszubilden. Durch entsprechende staatliche Investitionen würden zukunftsfähige Arbeitsplätze geschaffen.

Als zu gering bewertete Tiefensee die bisherigen Anstrengungen der deutschen Automobilindustrie: „Bei einem Gesamtetat von 21 Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung könnten unsere Hersteller mehr für die Elektro-Zukunft tun. Das ist eine Frage der Prioritäten.“ Als lohnendes Nahziel für eine aktive steuerliche Förderung der Elektromobilität machte Tiefensee städtische Lieferfahrzeuge mit Batterieantrieb aus. „Da sind die aktuellen Reichweiten von 100 Kilometer pro Tag kein Problem.“

Fazit: Mehr Visionen für eine grüne Zukunft, wünscht sich der Ex-Minister. Für viele mittelständische Fahrzeughersteller im Saal gingen die Förderungsversprechen jedoch nicht weit genug.

Text: Joachim Becker

3 Antworten zu “„Deutschland fehlen ehrgeizige Ziele für eine Elektro-Zukunft“

  1. Wenn man bedenkt, wie die Industrie E-Mobile entwickelt. Da werden vorhandene Modelle mehr oder weniger glücklich umgerüstet und mit den Benzinern und Dieseln verglichen.

    Wenn man von Heute auf Morgen solch hohe Erwartungen an ein E-Fahrzeug stellt wird damit doch nur eins erreicht. Es kommt nicht auf den markt und die etablierten Hersteller sagen dann „Wir haben es ja immer schon gesagt, dass E-Fahrzeuge nicht marktreif sind“

    Liebe Hersteller, anders herum wird ein Schuh draus. Ermittelt doch wieviel Kunden ein E-Fahrzeug kaufen würden und auf die X Assistenzssysteme verzichten wollen um nur ein FAHRzeug zu haben, dass mit einem alternativen Antrieb ausgerüstet ist. Glaubt Ihr, dass die Kunden nicht wissen, dass Sie mit der begrenzten Reichweite umgehen können und dies auch akzeptieren?

    Es wird Zeit umzudenken. Jeder nicht verbrannte Tropfen Sprit hilft.

    Im übrigen, wird in der CO-2 -Bilanz bei einem Benziner auch neben den g/km auch die g bei der herstellung des Benzins/Diesel, Transport zu Tankstelle mit eingerechnet?

    Erst wenn diese Werte denen mit dem E-Auto gegenübergestellt werden kommt man auf eine richtige CO-2 Bilanz

  2. Was Politiker sagen,gleich welcher Partei sie angehören, nehme ich aus Überzeugung, nicht mehr ernst. Für die Einführung neuer Technologien zählen nur Ausdauer, eiserner Wille aller maßgebend Beteiligten Firmen, das Kundeninteresse wecken. Vor allem der jüngeren Generation, beginnend schon in den Schulen, Das Angebot des smarttests geht genau in die richtige Richtung.
    W. Sträter

    • Wir stehen in der Steinzeit des E- Mobils.
      Versuch und Irrtum sind also momentan genau das richtige. Testen und entwickeln.
      Doch nicht alles muss neu gedacht werden.
      Der Transrapid ist ein Beispiel für nicht wollen!
      Geld ist ja genug vorhanden gewesen, aber man hatte keine Ideen für die Investoren zur Hand.
      Die Inlandsflüge müssten zwischen Berlin und Hamburg nicht mehr sein, wenn man die Strecke gebaut hätte, sie wäre nämlich schon lange fertigt, und den Flugverkehrsunternehmen die Strecke für ihre Beförderungen zur Verfügung gestellt hätte. Die Züge wären „rollende Flugzeuge“ und nichts anderes.
      Wie schnell hätten wir auch andere Verbindungen in Deutschland und Europa.
      Doch heute schlagen sich die Fluglinien mit dumping Preisen aus dem Luftverkehr raus und verbrauchen unnötig fossile Rohstoffe mit erheblicher Umweltverschmutzung.
      Wo ist da eigentlich die CO2 Frage abgeblieben?
      Wenn in München soviele Investoren und Fachleute sitzen, müsste doch allein bei der Innerdeutschen Verkehjrslandschaft so manche echnik schneller umzusetzen sein, als bisher geschehen. Die Politik hat da wenig zu melden.

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