„Ich bin der Stromschalter-Depp“


Der E-Smart "tankt" in einer Scheune (Foto: Gunnar Jans)

Der E-Smart "tankt" in einer Scheune (Foto: Gunnar Jans)

Auch Gunnar Jans, Sportchef der Münchner „Abendzeitung“, ist derzeit mit einem Smart electric drive unterwegs. Lesen Sie seine Fahreindrücke!

Haben Sie schon mal – als einziger Gast in einem Country-Club – eine Wirtin mit Augenklimpern angefleht und geseufzt: „Ich habe ein Riesen-Problem. Und Sie sind der einzige Mensch auf der Welt, der mir helfen kann.“ Eine peinliche Situation, aber anders wusste ich mir gestern Abend nicht mehr zu helfen.

Ich hätte halt doch besser auf den Sven hören sollen. Sie erinnern sich: Sven, der Transporterfahrer in der kurzen Hose, der mir am Samstag den „eletric drive“ übergeben hat und dabei so nützliche Tipps hatte wie „Hupen Sie an der Kreuzung!“ Hab ich ja auch gemacht – aber trotzdem vergessen, was der Sven noch so an Anleitungen für den Elektro-Smart parat hatte – vor allem beim Aufladen. Und deshalb steht der Testwagen jetzt auch noch 40,2 Kilometer entfernt von mir vor einem Landgasthofs in der Gemeinde Aying, wo ich gestern mit 5 Prozent Restbatterie stehen geblieben bin. Weil ich zu blöd zum Stromladen bin!

Doch der Reihe nach: Ein Seminar in Feldkirchen-Westerham, 42 km von Haidhausen entfernt. Das bedeutet: 3 Kilometer Stadtfahrt am Anfang, 8 Kilometer Landstraße und dazwischen 31 Kilometer auf der A8, der Salzburger Autobahn. Der Sven hatte mich ja gewarnt: „Der Elektro-Smart ist ein Stadtauto. Allzu viel Autobahn sollten Sie nicht fahren.“ Außer man hat Spaß daran, als Vorletzter ins Ziel zu kommen. Mit dem „electric drive“ fährst du nämlich immer ganz rechts, auf der Lkw-Spur. Und mit Tempo 80, wo andere 180 fahren, zwischen zwei Lkw wie die Gurke in einem Sandwich eingequetscht zu sein, ist gewöhnungsbedürftig – vor allem, wenn dich der Transporter hinter dir mit lautem Hupen auf der Mittelspur überholt. Irgendwann hab ich dann doch den Schumi in mir gespürt – und einen großen Milchwagen hinter mir gelassen. Vorletzter also – und vier Erkenntnisse gewonnen: 1. Das Tempo 100, das der electric drive angeblich erreichen soll, hab ich nie rausgeholt aus ihm, auch auf gerader Strecke war bei 90 Schluss. 2. Ich brauche ein Schild für das Rückfenster mit einer großen 90 drauf. Dann kann sich der Hintermann die Huperei sparen. 3. Auf dem Rückweg und bei allen weiteren Routen vermeide ich die Autobahn. 4. Der Elektro-Smart ist ein Stadtauto ist ein Stadtauto ist ein Stadtauto.

Und zuletzt: Statt eines Führungskräftetrainings hätte ich besser ein Überlebenstraining besuchen sollen! Zwei Tage lang habe ich mich also in der Mitarbeiterführung schulen lassen. Es ging um Fragen wie diese: Wie motiviere ich richtig, was tun mit den Stars in der Mannschaft, den Talenten, den Arbeitsbienen? Und darum, ob der Jans noch eine Steckdose findet. Das war zumindest das Gesprächsthema in den Pausen, schließlich war ich bei unter 20 Prozent Batterieladung angekommen, zu wenig für den Rückweg. Am zweiten Tag war der Verwaltungsleiter der IHK-Akademie Westerham so nett, mir aus dem Hotelbereich per Kabeltrommel Strom in einen Lagerschuppen am Waldrand legen zu lassen. Besten Dank nochmal dafür.

Der Rest sollte doch ein Kinderspiel sein. Ladekabel aus der Heckklappe nehmen, die eine Seite in die Steckdose des Fahrzeugs in der Tankklappe (hinten rechts, wie beim Benziner) einführen, den Stecker in die Trommel stecken, und in acht Stunden, passend nach Seminarende, sollte das Ding wieder komplett bei 100 Prozent stehen. Die Kollegen, die eine Mitfahrgelegenheit anbieten oder zumindest so lange warten wollen, bis ich weg bin, habe ich dann fahrlässigerweise ignoriert. Und mich zuerst nur ein wenig gewundert, als beim Starten noch immer nur 20 Prozent Batterieladung angezeigt waren. Wird schon noch kommen, ist ja beim Benziner auch so, dass die Tankstandsanzeige sich, wenn´s draußen kalt ist, nur langsam nach rechts bewegt. Unruhig werde ich erst, als die Nadel nach ein paar Kilometern im Wald auf der St208 zwischen Aschbach und Rauschenberg immer weiter nach links wandert, bald bei unter 10 Prozent liegt – und währenddessen die Fahrleistung immer weniger wird. Am Ende krieche ich mit Tempo 20 den Rauschenberg hoch, hinter mir eine Kolonne lichthupender Lastkraftwagen und vor mir nur Bäume und ein Hinweisschild auf den Bergtierpark Blindham. Werde ich die Nacht mit Ziegen und Hirschen verbringen müssen?

Ich hab´s dann noch bis Großhelfendorf geschafft. Das hat eine S-Bahn-Station und in Fußweite einen Landgasthof. Den besagten Country-Club. Nach ein bisschen Überzeugungsarbeit („Sie brauchen also einen Elektriker?“ – „Nein, Ihre Steckdose“) hat sich die Wirtin erweichen lassen, auch mit dem Hinweis, dass ich ihren Gasthof bei nächster Gelegenheit (also im nächsten Blog, wenn´s denn geklappt haben sollte) positiv erwähnen werde. Sie hat mir ihren Stellplatz in der Garage überlassen. Und damit, wenn nicht mir, so doch dem Smart wieder Leben eingehaucht.

Woher ich die Gewissheit nehme, dass es diesmal geklappt hat? Ich habe den Sven angerufen und ihm mein Malheur geschildert. „Da kann man doch gar nix falsch machen“, hat er gesagt und dann gefragt: „Den Schalter haben Sie schon gedrückt, oder?“ Schalter? Welchen Schalter? DEN Schalter! Er liest mir aus der Kurzanleitung vor, die natürlich daheim auf dem Schreibtisch liegt: „Der Ladevorgang kann nur gestartet werden, wenn der FI Schalter (schwarz) am Kabel nach erfolgter Verbindung auf „ein“ geschaltet wird.“ Vielen Dank, auch für die Erkenntnis: Ich bin der Stromschalter-Depp!

Die nächsten beiden S-Bahnen von Großhelfendorf nach München sind dann übrigens wegen Streckenbauarbeiten auch ausgefallen. Murphy´s Gesetz halt. So, und jetzt mach ich mich mal auf ins Oberland und schau, was im Country Club morgens so los ist.

Update, 10.49 Uhr: Es hat geklappt. Der Elektrosmart und ich sind wieder bei 100 Prozent. Fahrbereit. Und bei nächster Gelegenheit testen wir dann nach dem Strom auch die Steaks im „Bavarian Texas House“ Großhelfendorf.

6 Antworten zu “„Ich bin der Stromschalter-Depp“

  1. Pingback: Steckdosen findet man überall « Motorblog

  2. Tja, die guten werden dort ja auch fürs arbeiten bezahlt (zu gut?) , und nicht fürs denken…
    Sowas wäre ja zu einfach. Hoffe nur das von denen jemand das hier auch liesst, ist ja auch ne art brain-storming

  3. Weileinfacheinfacheinfachist

    Und eine Entkopplung mittels Zündschlüssel? Oder wäre das zu einfach gedacht?

  4. …dabei wäre die Lösung viel einfacher:

    Einstecken und ein Drehmechanismus, der den Stecker erstens in der Vuchse verkeilt und zweitens mit dem Drehen der Schaltvorgang für die Freigabe erfolgt.

    Umgekehrt: Drehen und herausziehen. Kein extra Schalter mehr notwendig.

    Das sind doch alles hochbezahlte Ingenieure, wieso kommen die nicht auf sowas?

  5. Mitnichten, der Depp sind Sie nicht. Hier liegt etwas konstruktives nicht Durchdachtes vor.
    Man spricht vom Mensch-Maschine Interface. Wenn ich also das 220V Ladekabel anstecke und mit 220V verbinde, will ich was – nach Hause fahren ? – nein !! – natürlich Laden !!!
    Ich darf aber nicht unter Last kuppeln, es fließen ja etwa 16A. Das könnte
    sogenannte Abreißfunken hervorrufen, die Elektronik und Steckverbinder schädigen. Schauen Sie mal in der Betriebsanleitung der Waschmaschine nach, da steht das explizit drin, kein Kuppeln, wenn die Maschine läuft, sie will auch maximal 16A haben.
    Deshalb mußte auch der Ladeschalter eingebaut werden um stromlos kuppeln und entkuppeln zu können.
    Den könnte man aber mit einer Schutzkappe (ex – Tankdeckel) verbinden, Stecker gesteckt, Tankdeckel zu – es kann losgehen. Das wäre auch dann vandalensicher, da einige Zeitgenossen ihren Spieltrieb dann nicht mehr austoben können (selbst schon erlebt). Deckel zu – Kabel gekuppelt – Aus die Maus !
    Auch die andere Seite, die Ladesäule, verlangt erst „Stecker gekuppelt“ – dann gibt sie die 220V (oder Drehstrom) frei.
    Das ist bei unseren E-Saxo`s so, der Kabeldeckel ist in die Zentralverrieglung mit eingebunden und das wurde vor mehr als anderthalb Jahrzehnten konstruiert.
    Bedauerlich für Smartie und Mini, sicherlich war der Zeitdruck
    enorm oder das Geld alle.

  6. Hihihi… hatten wir das hier nicht schon einmal, dass jemand das Knöpfchen vergessen hat ?
    Anleitung oder Blog lesen hilft !😉

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