Ein sturer Berliner in Hamburg


Busfahrer Michael Bluhm testete den Smart ED in Hamburg (Foto: Bluhm)

Busfahrer Michael Bluhm testete den Smart ED in Hamburg (Foto: Bluhm)

Als ich am Tag der Übernahme und Einweisung des Smart electric drive auf die Ladefläche des LKW schaute, musste ich unweigerlich schmunzeln. Ich sah das Nummernschild mit dem B. Ein Berliner der in Hamburg lebt, wird in den kommenden Tagen ein Fahrzeug mit Berliner Kennzeichen fahren. So wie die Berliner die Autofahrer mit auswärtigem Kennzeichen meistens abschätzig in ihrer Fahrweise betrachten, verhalten sich die Hamburger ebenfalls. Was werden die anderen Verkehrsteilnehmer wohl denken, wenn ich stur in den vorgeschriebenen Geschwindigkeiten genau auf den Punkt fahre. Also 30er-Zone 30km/ h und 50er-Zone 50 km/ h.

Mehr würde sich auf meinen täglichen Fahrten nicht ergeben. Es fällt schwer, stur zu bleiben und nicht mit dem Strom zu schwimmen. Wie sinnvoll diese Einstellung ist und dass sich die Verkehrsschilder mit den Geschwindigkeitsbegrenzungen als ausgesprochen positiv betrachten lassen, möchte ich hier berichten. Schon nach kurzer Zeit stellt man sich auf das Fahrverhalten des Smart ED ein. Er bremst ab, wenn man rollt, und das drastisch. Die Startgeschwindigkeit ist ebenfalls enorm. Hier hat der Hersteller sehr gute Angaben gemacht, die man für seine Zwecke nutzen kann. Ich habe im Blog des elektrischen Fahrtenbuches einen Kommentar abgegeben, indem ich das neue fahren Lernen unter bestimmten Gesichtspunkten anführte.

Jetzt unterlag ich selbst diesem Phänomen. Ein Glücksfall, wenn man als Busfahrer mehrmals im Jahr Fahrtraining hat und das sparsame Fahren immer wieder eingetrichtert bekommt. Der morgendliche Berufsverkehr bietet hier die Möglichkeit, die Technologie der Elektromotoren, beim Smart ED sind es zwei Radnabenmotoren an den Hinterrädern, ganz allmählich auszuprobieren. Es hilft, wenn die Geschwindigkeit möglichst konstant gehalten wird. Hat man so wie ich die Chance der „grünen Welle“, die meistens auf die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit eingestellt ist, kann man ohne viel Mühe und Abbremsen bis zu seinem Fahrziel durchfahren. Bei 5,7 km Hinfahrt ist das nicht besonders schwer. Zusätzlich zahlt es sich aus, wenn man die Bremswirkung des Smart ED in seine Fahrweise einbezieht.

Ich versuchte mich jetzt selbst im Zaum zu halten und spürte sehr oft die Ungeduld der hinter mir fahrenden Verkehrsteilnehmer. Wenn dann so ein Sportwagen oder SUV mit donnerndem Motorgeräusch an mir vorbei sauste, schaute ich möglichst nicht in das vorbeirasende Auto, weil ich mir die bösen Blicke ersparen wollte. Immerhin wirkte ich wie eine sture Verkehrsbremse mit meinen 50 oder 30 km/ h. Sie sahen mich bestimmt von der Seite in Körperhaltung und Gesichtsausdruck als einen sturen Bock. Es ist sehr anstrengend so zu fahren, wenn man jahrelang völlig gegenläufig gefahren ist.

Ich dachte mir dabei, dass ich einen Test zu absolvieren habe, und niemand wird mich daran hindern. Einige gefahrene Kilometer, und schon betrachtete ich die Verkehrsschilder als eine kleine Erlösung und als Rechtfertigung für meine Fahrweise.

Jede Geschwindigkeitsbegrenzung wurde in meinem Kopf ganz langsam zu einer Sparbegründung. Wenn ich so fahre, muss es meinem Energievorrat doch gut tun. Am dritten Tag war es mir in Fleisch und Blut übergegangen, dass ich kaum noch auf den Tacho schauen musste. Die immer gleiche Route hin und von der Arbeit erleichtert das. Deshalb heißt es wohl Routine.

Dass dies nicht immer funktionierte, musste ich bei einer abweichenden Fahrstrecke feststellen. Das Abbremsen war nicht das Problem, aber die Einhaltung meiner Fahrgeschwindigkeit. Ich verschätzte mich und musste öfter bremsen. Ich sah nicht weit genug voraus, um das Rollen einzuleiten. Ich widerstand nicht der Versuchung schneller zu fahren. Das Ergebnis war ernüchternd. Der Energieverbrauch im Verhältnis zur erzielten Reichweite war am vierten Tag zu hoch.

Nach dieser Ernüchterung stand für mich fest, dass ich bei meinen Geschwindigkeiten bleiben werde. Fazit: Bei einem Smart ED sind die Geschwindigkeitsbeschränkungen keine negative und störende Bremskulisse mehr, weil sie einen ständig daran erinnern, dass man nicht nur regelkonform, sondern auch energiesparend fährt. Die Scheibenbremsen in den Vorderrädern haben in Verbindung mit der Bremswirkung der E-Motoren beim Rollen eine längere Lebensdauer, weil sie deutlich weniger beansprucht werden. Je länger man diesen Smart ED fährt, umso besser spielt sich die Kombibremsung bei jedem einzelnen Fahrer ein.

7 Antworten zu “Ein sturer Berliner in Hamburg

  1. an nie-mehr-benzin.de

    Also. Ob es von Smart so gedacht war, dass N zum „Segeln“ benutzt werden soll, weiß ich nicht. Ich habe es aber so gehandhabt und bin gut dabei gefahren.
    Der Ablauf ist wie folgt.:
    Ich fahre los und vorm mir ist eine Kolonne an der roten Ampel. Stellung D und ich gehe vom Pedal. Der Motor wirkt wie eine Wirbelstrombremse und brenst ab. Dabei gewinne ich Energie zurück. In meinem Fall konnte ich die 10 % fast auf den Punkt genau erreichen. Es fehlten lediglich die Kommaprozente der Nebenverbraucher, die ich für immer verliere.
    Ich kann auch beides nacheinander nutzen.
    Ich gehe auf N bei einem Gefälle und segle Bergab. Habe ich in der Senke genug Geschwindigkeit rolle ich noch etwas Bergauf, schalte dabei auf D und gehe aufs Pedal. Ich kann aber auch auf das Hindernis vor mir zurollen, auf D schalten und den Bremseffekt zum Rekuperieren nutzen, um hinter dem Hindernis fast auf den Strich genau stehen zu bleiben.
    Es ist von dem Verlauf der Fahrt abhängig, was ich wie in Kombination nutze.
    Erhebliche Einsparung bietet sich dabei z.B. bei den wenig genutzten Scheibenbremsen.
    Ja, das Schalten in dieser Technologie ist noch vorhanden, aber nicht immer Sinnvoll. In wenigen Stunden, wenn nicht sogar Minuten hat man den Bogen raus und es fährt sich hervorragend Sparsam und Verschleißarm.
    Das Rekuperieren ist auch beim Smart ED stufenlos. Wie gesagt, es ist das Prinzip der Wirbelstrombremse oder auch Retarder.

  2. Nun, die Frage mit der Effizienz der Rekuperation steht und fällt mit der Leistungselektronik und der Leistung des Antriebsmotors.

    Der Tesla Roadster mit seinem über 200 PS-E-Motor beispielsweise kann bis zu einer bestimmten Bremsleistung ausschließlich stufenlos rekuperativ bremsen. Im Normalfall wird man gar nicht in die Verlegenheit kommen, mechanisch zubremsen zu müssen.

    Geht der Smart denn schon auf Rekuperation, wenn weder Strompedal noch Bremse betätigt wird? Da wäre ja ein echtes „Segeln“ nicht möglich, ohne leicht mit dem Strompedal zu spielen oder immer auf „N“ gehen zu müssen. Oder ist die „N“-Stellung wirklich aktiv dafür gedacht?

    Die Rückgewinnung von Energie durch Schaukelbewegungen des Autos schätze ich von der Menge als zu gering ein, da das dafür notwendige Mehrgewicht durch die nötige Technik die Einsparung wieder zunichte machen würde.

  3. Antwort zu „nie-mehr-benzin.de“.
    Nein. Der Smart ED kann nur eines. So wie alle Elektroantriebe. Entweder „segeln“, was unwarscheinlich viel Spass macht, oder rekuperieren.
    Das hängt damit zusammen, dass ich bei N Stellung des Fahrreglers die Stromzufuhr komplett zum Motor unterbreche.
    Es ist immer nur die Möglichkeit vorhanden, entweder aus der zugeführten Energie die maximal 10 % als Strom in den Akku zurück zu gewinnen oder gleich beim Segeln zu verbrauchen.
    Ich habe mir dazu aber eine andere Frage gestellt.
    90 % der zugeführten Energie gehen demnach verloren. Hier gibt es viele Faktoren der Verluste. Einige Beispiele stellvertreten für alle.
    Wärmeentwicklung auch bei E- Motoren, Rollwiderstand, Luftwiderstand, Leitungswiderstände, Nebenverbraucher usw.
    Es ist für mich noch nicht technisch umsetzbar eine ganz bestimmte Verlustfrage zu lösen.
    Ich fahre und das Auto bewegt sich pendelnd nach links und rechts, oben und unten, vor und zurück. Ich sage mal der Einfachheit halber, das Auto schaukelt hinundher und das ist ebenfalls Energie die ich nicht zurück gewinnen kann.
    Jetzt weiß ich, dass es mechanische Automatikuhren gibt, die sich durch die Bewegung des Handgelenks immer wieder aufziehen und quasi niemals stehen bleiben könnten, wenn sie nicht mal länger liegen bleiben oder defekt sind.
    Ich stelle mir das beim Smart Ed so vor:
    Aus dem Test ist mir bekannt, dass beim Anfahren eine enorme Kraft auf die Hinterräder wirkt und der Samrt vorne leicht hoch kommt. So als wolle er einen Hochstart machen. Das erklärt sich aus dem Umstand, dass die Akkus zwar unter dem Boden eingebaut, aber nicht ganz mittig sind. Auf der Vorderachse ist die Achslast geringer als auf der Hinterachse.
    Um diesen Effekt zu reduzieren könnte man ein mechanisches Werk vorne einbauen, dass die geschilderten Schaukelbewegungen nutzt, um z.B. einen Kondensator zu laden, der beim Anfahren, bei Lastfahrten an der Steigung oder mit höherer Beladung den Energieverbrauch am Akku etwas entlastet.
    Ich denke grundsätzlich, dass es noch so einige Möglichkeiten gibt die Energieverluste in einem E- Mobil auf die eine oder andere Art, Prozent für Prozent, zu reduzieren.

  4. na ich bin mal gespannt wie das mit dem ED Smart im winter wird… wenn bei minus 15 grad die batterie schwach ist, die heizung läuft und die reichweite auf 20% der angegebenen möglichen reichweite sinkt …

  5. Eine deutliche Hilfe zum Energiesparen beim Cruisen wäre der sogenannte „Segel“-Modus, bei dem im Leerlauf nicht rekuperiert wird, damit das Auto verzögert. Ist das beim Smart ED nicht so? Rekuperiert der im Leerlauf?

  6. Thema BREMSEN

    Die wenigen E-Autofahrer – welche es ja auch heute beriets gibt * – kennen das hier beschriebene ;-))).

    * Meist PSA/Renault „electrique“ aus den 90ern

    Aber ACHTUNG … in meinem ersten e-Auto-Jahr habe ich fast ausschliesslich per REKUPERATION gebremst (was bei vorrausschauender Fahrweise und Einhaltung des Mindestabstands kein Problem ist) – nach der Winterzeit hatten die Bremsen (hinten) einiges
    an Rost angesetzt (so dass ich sie sicherheitshalber erneuert habe) …
    dies nur als Anektode eines langjaehrigen EV-Fahrers

    … elektrische Gruesse

  7. Dietrich Hülsmann

    Ich kann nur bestätigen, dass man als Busfahrer, der seine Fahrgäste ja wie rohe Eier zu behandeln hat, das „weit voraussehende Fahren“ beherrschen. Mit meinem PKW (Meriva TDI) gehe ich genau so um und komme auf einen Durchschnittsverbrauch von 5,9l . Auch mit meinem Roller (Piaggio SKR125) versuche ich immer, die grüne Welle zu erwischen. Folge meine
    1. Bremsklötze sind bei nunmehr 30tkm immer noch gut. Normalerweise müssen sie bei 2500-3000 km ausgewechselt werden.

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