Ausblick auf die Zukunft


(Foto: Cinetext Bildarchiv)

Ausschnitt aus dem Filmklassiker "Zurück in die Zukunft". Werden unsere Autos bald fliegen können? (Foto: Cinetext Bildarchiv)

Wir haben weder eine Glaskugel unter dem Schreibtisch, noch kann hier ein Redakteur Karten legen. Dennoch interessiert uns die Frage: Wie werden wir uns alle in Zukunft fortbewegen. Wir haben zwei renommierte Zukunftsforscher gebeten, für uns einen kleinen Ausblick auf die Mobilität von morgen zu wagen. Sicher, nicht alles wird so kommen, denn wie heißt es so schön: Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie in die Zukunft gerichtet sind.

Prof. Dr. Rolf Kreibich

Wegen der Faszination und Freiheitsgrade individueller Mobilität sowie schneller, punktgenauer Ortswechsel, wird es auch in 20 Jahren noch Individualfahrzeuge geben. Sie werden aber wegen der zerstörerischen Folgen der rasant zunehmenden Automobilität keinesfalls mehr die gleichen Gelände-, Premium- und Mittelklassewagen sein, die heute unsere Städte, die Umwelt und unsere Lebens- und Produktionsgrundlagen zerstören . Allein die Ressourcenfrage, die kurzfristig endlichen Öl- und Metallvorräte, zwingen uns, die Ferraris, Bugattis mit bis zu 1000 PS und 420 Stundenkilometer und die wüstentauglichen Geländewagen mit 18 bis 32 Litern pro 100 km, aufzugeben. Bedenkt man, dass zur Produktion eines solchen Fahrzeugs noch ca. 40 Tonnen stoffliche Ressourcen verbraucht werden, dann wird der ganze Wahnsinn dieser Auswüchse deutlich. Würden die Chinesen, Inder, Brasilianer und Indonesier dem gleichen Rausch verfallen, dann wäre die Tragefähigkeit unseres Planeten überschritten: In den USA kommen heute auf 1000 Menschen 780 Pkw, in Kalifornien 1.135, in Deutschland 540, in China 21 und in Indien 9 Pkw. Es bedarf nicht allzu großer Phantasie, dass eine weltweite Automotorisierung wie in den USA oder Europa nicht zukunftsfähig ist. Deshalb wird das Fahrrad in vielen Regionen eine gleiche Dichte annehmen müssen wie heute in der fahrradfreundlichsten deutschen Stadt, in Münster, mit einem Anteil an den Verkehrsleistungen (Personenkilometer) von 41%. Das Auto der Zukunft wird dem bereits 1997 entwickelten SMILE folgen: Small, Intelligent, Light, Efficient. Schon damals hatte Greenpeace den Twingo für 4 Personen mit nur 1,4 Mio DM Entwicklungskosten gebaut, der nur 2,8 Liter Benzin auf 100 km im normalen Fahrzyklus verbrauchte und alle TÜV-Prüfungen bestanden hatte. Diese Ziele werden in Zukunft noch besser mit Hybrid- und Elektroautos zu erreichen sein. Der SMILE wurde damals von keiner Automobilfirma übernommen und weiterentwickelt. Trotzdem wird das Individualfahrzeug der Zukunft ein SMILE sein, nur noch intelligenter, leichter und effizienter. Natürlich auf der Grundlage regenerativer Energien. Dazu kommt das Car-Sharing, das Teilen von Autos mit anderen Verkehrsteilnehmern und der Nutzung des ÖPNV.

Prof. Dr. Rolf Kreibich, geboren am 2. Dezember 1938, ist Wissenschaftlicher Direktor und Geschäftsführer des Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT). Der studierte Mathematiker hat bereits mehrer Fachbücher veröffentlicht und gilt als Experte in dem Bereich der Zukunftforschung.

Werner Mittelstaedt

These I: Der Automobil- und Güterverkehr ist nicht zukunftsfähig: Die Weltgesellschaft des 21. Jahrhunderts hat eine Dynamik entwickelt, für die es keine historischen Vergleiche gibt. Neben den bevölkerungsreichen Ländern Indien, China und Brasilien sind in den letzten Jahren eine Reihe weiterer Länder in Afrika, Asien und Südamerika zu Schwellenländern ge­worden, also zu Ländern mit hoher wirtschaftlicher Dynamik. Viele Menschen in diesen Ländern ma­chen sich zunehmend die Konsummuster der Industriegesellschaften zu eigen. Zu diesen Konsum­mustern gehört auch die Mobilität und der Besitz von PKWs. Insbesondere in China und Indien wird die individuelle Mobilität mit dem Auto und mit öffentlichen Verkehrssystemen (Bus, Bahn, Flug­zeug) weiter zunehmen. Während die Schwellenländer noch dabei sind, die Anzahl der PKWs pro Einwohner zu erhöhen, werden in den Ländern des Nordens im Allgemeinen und aufgrund der Globa­lisierung der Wirtschaft und des Tourismus im Besonderen weltweit die Grenzen der Mobilität mit dem Auto und allen anderen öffentlichen Verkehrssystemen immer deutlicher. Dazu kommt der glo­bale Güterverkehr, der seit Jahrzehnten deutliche Zuwachsraten verzeichnet. Der Automobil- und Güterverkehr sowie auch die öffentlichen Verkehrssysteme sind in fast allen Ländern aus folgende Gründen nicht zukunftsfähig:

Die Infrastrukturen (Straßen, Autobahnen u. a.), Verkehrssysteme und die PKWs und LKWs

  • – werden den wachsenden Verkehrsaufkommen immer weniger gerecht;
  • verursachen große Schäden in der Umwelt bzw. in der Biosphäre der Erde;
  • tragen nicht unerheblich zum anthropogenen Treibhauseffekt (globale Erderwärmung) bei;
  • sind erheblich an der Erschöpfung wertvoller Energieressourcen (Öl, Gas) beteiligt;
  • sind erheblich am Verbrauch von Naturflächen durch Versiegelung für Straßen und „autogerechte Infrastrukturen“ beteiligt;
  • sind am Verbrauch wertvoller nicht regenerierbarer Ressourcen (Metalle, Energieressourcen) zur Herstellung der Fahrzeuge beteiligt.

Die Teillösungen zur Verbesserung der Verkehrssysteme, also neue Brücken, neue Fahrspuren, Au­tobahnen und Umgehungsstraßen verhinderten in den letzten Jahrzehnten nicht, dass mehr Men­schen denn je in Staus, insbesondere in den Städten, in überfüllten Bussen, S-Bahnen und Zügen wertvolle Zeit verlieren und an Lebensqualität einbüßen. Durch diese und andere Teillösungen verliert auch die Biosphäre der Erde an Qualität.

These II: Die Mobilität zukunftsfähig machen
Zukunftsfähige Mobilität mit Fahrzeugen, die zur Fortbewegung Energie benötigen, fängt damit an, dass sie effizienter werden muss und sie nur dann eingesetzt werden sollte, wenn sie unbedingt not­wendig ist und Sinn macht. In der näheren und mittleren Zukunft (die nächsten 10 bis maximal 20 Jahre) müssten alle für die Ver­kehrs­systeme zuständigen Institutionen und die Automobilhersteller der Welt Folgendes „auf dem Weg bringen“, um die Mobilität der Menschen, den Güterverkehr im Allgemeinen und das „individuelle Fahren“ zukunftsfähig im Sinne des Leitbildes der nachhaltigen Entwicklung zu gestalten.

  • (A) Die Verkehrs-Management-Systeme für den individuellen Verkehr mit PKWs und für den Güterver­kehr auf Straßen müssen unter Zuhilfenahme modernster IT-Systeme dazu beitragen, dass der Ver­kehr in den Städten, auf den Landstraßen und Autobahnen reibungslos bzw. ohne Staus abläuft. Sie müssen dazu beitragen, dass ein Rückbau von Straßen, Landstraßen und Autobahnen realistisch erscheint. Was moderne Verkehrs-Management-Systeme leisten können, wird schon länger bei­spielsweise in Stockholm (ein dynamisches Maut-System hat das Verkehrsaufkommen in der Innen­stadt um 20%, die Wartezeiten um 25% und die Emissionen um 12% reduziert) und in Singapur (das Verkehrsgeschehen kann dort mit 90-prozentiger Sicherheit vorhergesagt werden) bewiesen.
  • (B) Um (A) zu realisieren, müssen der öffentliche Personennah- und -fernverkehr, insbesondere Züge und Busse, erheblich verbessert und ausgebaut werden, denn nur wenn der Verkehr auf den Straßen der Welt vermindert werden kann, werden Straßen und Autobahnen zum Teil überflüssig  und können rückgebaut werden und/oder es muss nicht neu gebaut werden.
  • (C) Um (A) zu realisieren, muss der Güterverkehr, der immer mehr auf die Straße verlagert wurde, aus einer Vielzahl von zusätzlichen Gründen (Ökologie, Sicherheit, Lärmaufkommen u.v.a.) auf die Schiene und auf Schiffe verlagert werden, wo immer nur möglich. Dafür müssen die Infrastrukturen ausgebaut und optimiert und die Logistiksysteme in den Unternehmen angepasst werden.
  • (D) Wenn wir auch in der Zukunft selbst mit dem PKW fahren wollen, dann ist Niedrig-Emissions-Mobi­lität dringend notwendig. Dafür wäre E-Mobilität eine richtige Antwort. Sie kann aber nur dann gelin­gen, wenn Forschung und Entwicklung in den Automobilkonzernen es in den nächsten Jahren schaf­fen, bezahlbare PKWs mit Elektroantrieb für den Massenmarkt zu fertigen, die folgende Vorausset­zungen erfüllen:

Haltbarkeit der Batterien für deutlich mehr als 100.000 Kilometer.
Austauschbarkeit der Batterien durch ein dichtes Netz für längere Strecken.

  1. Die Reichweite für eine Batterieladung sollte erheblich optimiert werden.
  2. Elektro-PKWs müssen auch wintertauglich sein.
  3. Elektro-PKWs sollten nahezu vollständig recycelbar sein.

Elektro-PKWs machen am meisten Sinn, wenn der Strom aus regenerativer Energie gewonnen wird. Dafür müssen die Stromkonzerne in den nächsten Jahren erheblich in ihre Stromnetze investieren. Diese müssen dafür ausgelegt sein, möglichst viel Strom aus Wind- und Solaranlagen und aus Solar­kraftwerken aufzunehmen, um die Batterien für die Elektro-PKWs mit Strom zu versorgen. Darüber hinaus muss massiver als bislang in regenerative Energie investiert werden und zwar dezentral durch die Förderung von Wind- und Solaranlagen und zentral, z.B. durch solarthermische Kraftwerke. Auch Busse, Bikes u. ä. müssten in naher Zukunft wesentlich mehr mit Elektroantrieb ausgestattet wer­den.

  • (E) Das „Fahren in der Zukunft“ wird sich wahrscheinlich auch dahingehend verändern, dass nur noch wenige Menschen selbst ein eigenes Auto besitzen, weil sie für einen großen Teil ihrer Mobilität öf­fentliche Verkehrssysteme benutzen werden und ihre Mobilitätsansprüche durch die Kommunikations­systeme (insbesondere Internet) reduzieren. Dies halte ich für sehr wahrscheinlich, weil die individu­elle Mobilität mit dem eigenen PKW bald ein Luxus werden wird durch zu hohe Kosten für Energie.

Dafür werden wir Mobilität mehr denn je mieten mit neuartigen Car-Sharing-Modellen.

These III: Wo anfangen? Für alles, was ich in These II skizzenhaft ausführe, sind Menschen überall in der Welt aktiv. Viele Initiativen zur Verkehrsreduzierung, zur Optimierung des Verkehrs sind schon gemacht worden und vieles entwickelt sich gegenwärtig. Zukunftsforscher, zahlreiche Nichtregierungsorganisationen und auch große Unternehmen haben Konzepte und Strategien entwickelt und sind dabei, sie zu verfeinern, um die hier angesprochenen Aufgaben zu bewältigen. Politik, Wirtschaft, Strom- und Automobilkonzerne müssen viel intensiver als bislang die E-Mobilität anschieben, auch aus Gründen des Klimaschutzes, aber auch, um die individuelle Mobilität noch möglich zu machen, wenn Peak Oil eingetroffen ist und die Spritpreise nicht mehr zu bezahlen sind. IT-Unternehmen sollten Software für Verkehrs-Management-Systeme entwickeln, wofür Kommunen und Länder die Auftraggeber sein müssen. Ein Wertewandel muss bei den Menschen stattfinden: Nicht mehr das große, schnelle Auto sollte ein Statussymbol sein, sondern
ein möglichst sparsames und kleines.


Werner Mittelstaedt, geboren 1954. Der Zukunftsforscher und Zukunftsphilo­soph ist Autor zahl­rei­cher Bücher und Heraus­geber der seit 1981 erschei­nenden Zeit­schrift »BLICKPUNKT ZUKUNFT«. Zuletzt er­schien sein Buch »Das Prinzip Fortschritt. Ein neues Verständnis für die Herausforde­rungen unserer Zeit«. http://www.werner-mittelstaedt.com

6 Antworten zu “Ausblick auf die Zukunft

  1. Die Verbrauchswerte müssen als zunächst runter. Dies bedeutet, daß die Waschmaschine dann wäscht, wenn überschüssiger Strom im Netz vorhanden ist und auch der Kühlschrank kann in der Nacht ein paar Grad tiefer gehen. Wie allerdings die heute noch teuren Smart GRID-Stromzähler finanziert werden sollen ist offen.
    Dezentrale Versorgung gehört sicherlich die Zukunft. Marc

  2. In einer von mir vorgestellten „Vision 2112“ bei meinem Arbeitgeber, geht es genau um die hier im Bericht angeführten Zukunftsaussichten der Mobilität.
    Dabei habe ich zum Beispiel einfließen lassen, dass ungenutzte bzw. selten genutzte Fahrbahnen anders zu nutzen sind.
    In Anspielung an die Idee der Energieallee, die sich auf den Ausbau der Windkraftanlagen entlang der A7 bezieht, brachte ich den Vorschlag an, dass man die Standstreifen der Autobahnen zur Elektrifizierung nutzen kann.
    Die Technologie ist heute bereits vorhanden und wird bei Bussen umgesetzt. Dabei ist das Oberleitungsprinzip maßgebend. Die Kombination aus Triebwagen mit Oberleitung- Akku- Kondensator-System bietet sich geradezu an. Niederflurfahrzeuge mit Elektroantrieb beim Güterverkehr sind durchaus möglich. Der Bund benötigt Einnahmen und diese Fahrzeuge würden auf gepachteten Strecken nicht nur Maut einspielen, sondern auch Gewinne aus der Energieversorgung erzielen. Hinzu kommt, dass man bei der Elektrifizierung der Autobahnen keine wesentlichen Länderrechte beachten muss, weil die Autobahnen dem Bund gehören und dort Windkraftanlagen installieren kann.
    Der Bund versteigert die Standstreifen an Verkehrsunternehmen wie einst die Funknetze fürs Telefon. Die Fahrzeuge sind mit einer Akkuladung für ausreichende Reichweite von ca. 100 km ausgestattet, die es ihnen am Zielort erlaubt die Städte und Gemeinden nur mit Strom zu befahren.
    Da diese Akkus und der Stromabnehmer vorhanden sind, kann jedes Fahrzeug den Standstreifen bei Hindernissen oder Auf- und Abfahrten verlassen, um sich danach wieder einzugliedern. Allein das Vorhandensein von elektrisch betriebenen Triebwagen könnte schon dafür sorgen, dass normale LKW Transporte ohne Schiene absolviert werden. Die Containertrailer müssten lediglich etwas niedriger sein und es müsste ein längeres Fahrzeug gestattet werden.
    Man betrachte sich die Doppelgelenkbusse und es wird deutlich, dass genau diese Länge für 3 Container wie geschaffen ist.
    Es wurden schon Versuche mit dieser LKW Länge gstartet, aber umgehend von der Politik wieder beseitigt.
    Und deshalb behaupte ich hier, dass es in einem Punkt der Thesen eine erhebliche Hürde gibt. Die Politik ist wahrlich völlig ungeeignet die Zukunft zu planen noch in heutiger Zeit irgend welche Vorbereitungen zu schaffen. Dafür fehlt den Politikern jegliche weitsicht und ihre Einsicht, nicht nur an ihre eigene Pfründe zu denken. Die Automobilindustrie, gerade in Deutschland, ist zu gierig und verschläft entscheidende Phasen der Zukunft, weil sie auf Subventionen hoffen, die sie nicht nötig haben. Ideen, wie die meine hier, werden in das Land der Phantasie abgeschoben (und ich bin ein Spinner), ohne auch nur im entfertesten darüber nachzudenken.
    Ich benötige für die nächsten 99 Jahre 100 Milliarden Euronen und es kann losgehen.
    Kennt jemand ein Konsortium das auch in der Politik die Weichen stellen kann und nicht nur das Geld hat? Denn Leider geht es ohne eine Regierung nicht!

  3. Zukünftig wird elektrischer Überschussstrom mit Hilfe von Wasserstoff gespeichert.

  4. Pingback: electrive.net » BMW, Evonik, Mitsubishi i-MiEV, TÜV Nord, Peugeot iOn.

  5. Elektromobilität und 100% regenerative Energieversorgung funktioniert vor allem auch so:

    10-15 kWp-Anlage aufs Dach, 200 kWh-Speicher im Keller, Auto mit eigenem Strom laden und Haushalt mit eigenem Strom versorgen. Überschuss als Strom für Industrie ins Netz einspeisen.

    Voraussetzung: Billige Energiespeicher! Der Rest ist schon da.

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