Schöne, neue Auto-Welt


Jürgen Maier, Architekt

Jürgen Maier, Architekt (Sabine Reitmaier, © AUDI AG)

Wie heißt es so schön: Prognosen sind schwierig – besonders wenn sie in die Zukunft gerichtet sind. Aber zugegeben, es macht Spaß, Visionären zuzuhören. Einer hat kürzlich mit seinem Idee der Zukunft sogar 100.000 Euro verdient. Der Architekt Jürgen Maier aus Berlin gewann den Audi Urban Future Award. Die Aufgabe: Eine Stadtvision für das Jahr 2030 zu skizzieren. Als Grundvoraussetzung gab der Autohersteller aus Ingolstadt vor, dass die Autos rein elektrisch fahren und völlig automatisiert sind. Was Maier und sein Team in vier Monaten daraus machten, erzählt uns der Architekt hier.

Herr Maier, laut Ihrer Vision gibt es zukünftig keine Ampeln mehr in der Stadt und wieder viel Platz. Ja, es wird sich auch vieles andere ändern. Besonders die Einstellung zu Autos. Eigentlich sind sie, wenn sich nicht bewegt werden, totes Kapital. In meinem Freundeskreis stelle ich vermehrt fest, dass ein Auto nicht mehr als Statussymbol taugt. Wir sind an einem Entwicklungspunkt, an dem wir die guten Eigenschaften bei einem Auto behalten können und die schlechten eliminieren.

Das Auto als kommunikations Maschine

Das Auto als Kommunikationsmaschine (J. Mayer H. Architects, © AUDI AG)

Was sind die schlechten Eigenschaften? Nun, der Individualverkehr benötigt in seiner heutigen Form viel Platz. Besonders dann, wenn Fahrzeuge nicht benutzt werden. Daher werden Carsharing-Modelle sinnvoll sein. Wenn in Zukunft die Fahrzeuge automatisiert sind, lassen sich Verkehrsflüsse besser kontrollieren und koordinieren. Das Auto kann auf einmal auch ganz andere Aufgaben übernehmen.

Zum Beispiel? Ich war vergangenes Jahr in Teheran und bin wie gebannt an einer gewaltigen Straßenkreuzung stehengeblieben. Dort gibt es fast jede Nacht kilometerlange Staus. Die Autos sind voll besetzt mit jungen Menschen. Da es in dem Land kaum Diskotheken oder Orte gibt, an denen Mann und Frau sich kennenlernen können, fahren sie zum Flirten absichtlich in den Stau. Diese Idee hat unser Team fasziniert.

Heute die historische Route? Wie möchten Sie fahren?

Heute die historische Route? Wie möchten Sie fahren? (J. Mayer H. Architects, © AUDI AG)

Also wurde das Auto zweckentfremdet? Mehr noch, es hat eine soziale Komponente eingenommen. Das wurde dann auch Teil unserer Idee. Es ergeben sich völlig neue Möglichkeiten, wenn das Auto automatisch fährt: So brauchen wir ja keine Scheiben mehr. Man könnte also Monitore verwenden, die je nach Lust und Laune eine andere Welt zeigen.

Also wenn ich durch eine Waldlandschaft zur Arbeit will, lade ich mir einfach das Programm runter, und lasse mich hinfahren? Ganz genau. Aber es kann ja noch viel weitergehen. Wir haben unsere Musterstadt „Pokeville“ genannt. Poke, wie anstupsen. Das Auto kann ja dank Vernetzung mit einem Smartphone mit seiner Umwelt interagieren und kommunizieren. Flirten. Einkaufen. Informieren. Bilden.

Also die Verbindung von Social Media und Automobil? Exakt. Wir leben ja in einer Welt, die immer transparenter wird. Facebook, Twitter und all die anderen Kanäle. Ein weiterer wichtiger Faktor: So wie wir uns bewegen, ändert sich auch das Stadtbild. Man braucht sich nur vorstellen, wie alles zusammenhängt. Wenn das Auto automatisiert wird, braucht es kein Licht mehr. Es kann ja im Dunkeln fahren. Das wird die gesamte Stadtbeleuchtung ändern.

Und wenn wir keine Emissionen mehr erzeugen… dann käme eine Stadt ohne Bäume aus. Wenn man das will. Oder noch mehr Grün in die Stadt. Warum nicht?

Haben Sie eine Zukunft skizziert, die realistisch ist? Wir denken schon. Sie wäre zumindest vorstellbar. Meine persönliche Meinung rückt ja dabei in den Hintergrund. Wir haben uns angesehen, was die Industrie derzeit entwickelt und wie sich die sozialen Netzwerke ausbauen. Wir haben beides zusammengebracht und die Uhr etwas vorgedreht. Das heißt aber nicht, dass nicht alles ganz anders kommen kann.

Alles zum Audi Urban Award finden Sie hier.

Text: Tim Gutke

 

2 Antworten zu “Schöne, neue Auto-Welt

  1. Pingback: electrive.net » Tesla, Renault, Better Place, Nissan Leaf, Schwarzwald.

  2. So weit weg ist die Idee nicht. Wir standen schon einmal kurz davor die Inlandsflüge abzuschaffen. Ob nun der Transrapid oder andere Verkehrsmittel. Es wird sich erheblich viel ändern. Leider werden Ideen, selbst wenn sie heute sofort umsetzbar wären, immer wieder verschoben, verneind oder als absurd abgestempelt. Die jenigen die es in der Hand haben und z. B. nur kleine Änderungen in Gesetzen vornehmen könnten, um endlich etwas zu bewegen was angeblich nicht geht, diese Personen oder Gruppen sind es, die alles verzögern.
    Wie war das noch mit dem toten Kapital?
    Genau darauf zielte meine Idee mit den Standstreifen der Autobahnen, die mit Oberleitung versehen auch LKW mit Strom fahren lassen könnten. Alles heute machbar, aber niemanden interessiert es, solange noch genug Diesel verbraucht werden kann.
    In diesem Artikel bekomme ich wenigstens das Gefühl, dass ich nicht alleine Visionen habe.

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