Sprit sparen mit der Zigarre


Shell Eco-marathon:Test-Prototyp für die Presse

Shell Eco-marathon:Test-Prototyp für die Presse

Nein, Platzangst darf man hier nicht haben. Ich sitze – oder besser gesagt: ich liege – in einem Fahrzeug, das äußerlich mehr einer Zigarre mit Rädern ähnelt als einem Auto. Meine Helfer, die mich mit einem Vierpunkt-Gurt in diesem Vehikel festgegurtet haben, schließen gerade die Abdeckung über mir. Der Knickwinkel meiner Knie orientiert sich an der Vorderachse, über die ich meine Beine beim artistischen Besteigen des Vehikels eingefädelt habe. Auch schlecht: Seit ich Platz genommen habe, hat sich das Gewicht des feuerroten Ganzkörperkondoms mindestens verdoppelt. Ich spähe zwischen meinen aufrecht in die Höhe ragenden Füßen durch und versuche mich durch eine kleine, verkratzte Plexiglasscheibe zu orientieren. Das Sichtfeld auf die Boxengasse am Lausitzring ist bescheiden, der Blick über die Seitenfenster in die winzigen Rückspiegel gibt ebenfalls wenig Auskunft über das Geschehen um mich herum.

Ich habe mich breit schlagen lassen, anlässlich des Shell-EcoMarathon in eines der Journalistenautos zu klettern und eine Runde auf dem Rennkurs zu drehen. Aber was heißt hier Rennkurs? Es geht ums Spritsparen. Wie auch bei den fast 200 Teams, die hier angerollt sind. Die Fachhochschulen oder Technischen Universitäten aus aller Herren Länder, deren Studenten mit den abenteuerlichsten, selbst gebauten Fahrzeugen in die Nähe von Berlin gekommen sind, stehen allerdings in unterschiedliche Klassen aufgeteilt im harten Wettbewerb zueinander. Dagegen fahre ich nur so zum Spaß.

Der Shell Eco Marathon findet jährlich statt und ist ein prima Anreiz für die Ingenieure von morgen. Zum dritten Mal gastiert der fröhliche Zirkus mitten in Europa, am Lausitzring. Dabei geht es nicht nur ums Schrauben am eigenen Auto – egal ob es mit Benzin, Diesel, Gas, Wasserstoff oder mit elektrischer Energie fährt. Die Studenten müssen das Projekt von Anfang bis Ende stemmen, es vermarkten, Öffentlichkeitsarbeit betreiben und es präsentieren. Neben den reinen Verbrauchswerten auf der Piste kämpfen die jungen Wilden auch um den Gewinn von Jurypreisen: für Teamgeist, für Kommunikation und Marketing, für Design, für technische Innovationen, für „ekologische Lösungen“ und für Sicherheit. Wer das bunte Treiben im Fahrerlager erlebt, dem ist um den Ingenieursnachwuchs nicht bange. Wenn diese jungen Leute ins Berufsleben wechseln, haben sie mehr erlebt als das trockene Pauken von Formeln und Gleichungen.

Meine Helfer klopfen auf das Dach, was übersetzt bedeutet: „Starte den Motor“. Der springt auf Hebeldruck prompt mit Riesengetöse an und brüllt mir in die Ohren. Selbst der Integralhelm dämpft den Lärm kaum. Dafür habe ich mein Gehör zu nahe an der Geräuschquelle: Das Triebwerk rumort direkt hinter meinem Kopf, die hauchdünne Trennwand hat nur symbolischen Charakter. Vorsichtig gebe ich auf Winkzeichen mit einem winzigen Hebelchen an der Lenkstange Gas und schnüre auf die Strecke. Ich fühle mich in meinem Mikrokosmos einsam. Bloß keinen Fehler machen! Schließlich will ich für die anderen Fahrer, die ich wegen der engen Sichtluken kaum wahrnehmen kann, nicht zur Gefahr werden. Oder ihnen auch nur die Ideallinie bei der Jagd um den Sparrekord versauen.

Ich beschließe, mit meinem Töfftöff immer schön an der Innenkante der Piste zu bleiben. Das macht mich für die echten Kombattanten berechenbar. Ich ärgere mich über die unpräzise Lenkung und die fehlende Federung. Trotz der geringen Geschwindigkeit werde ich von den kleinsten Asphaltblasen der Fahrbahn durchgerüttelt. Meine hilflosen Experimente mit dem An- und Abschalten des Motors gebe ich zugunsten einer gleichmäßigen Geschwindigkeit mit behutsam gewählter Gasstellung auf. Ich könnte sogar ca. 60 km/h erreichen – will ich aber nicht. Die professionellen Spritgeizhälse um mich herum müssen auch nur einen Schnitt von 30 km/h schaffen. Allerdings müssen die acht Runden durchhalten, ich darf nach einer wieder aussteigen. Am Schlimmsten sind die beiden Schikanen: Wie anfahren, ohne dass ich den Studenten in die Quere komme? Ich entscheide mich für kurze Knicke auf der Innenbahnlinie. Das kostet zwar Sprit, bringt mir aber Sicherheit. Nach gefühlten zwei Stunden biege ich auf die Zielgerade ein. Kurz vor der Ziellinie schalte den Motor aus und rolle lautlos aus.

Bereits kurz nachdem ich mich aus Helm und Rennanzug gequält habe, wird mir eine Urkunde überreicht: Mein Verbrauch wird mit 1.29 Liter pro 100 km beziffert. Nicht schlecht. Mit einem Liter Benzin wäre ich sogar 77.51 km weit gekommen. Welche Freude. Trotzdem: Der Sieger bei den Prototypen mit Benzin-Verbrennungsmotor des Shell Eco Marathon kam mit einem Liter Kraftstoff 3688 Kilometer weit. Welch ein Frust.

Text: Klaus Brieter

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