Hier mein E-Auto, da mein Mobilitätsbüro


Bus, Bahn, Mietauto von Sixt oder Hertz – da muss es doch noch mehr geben als Alternative zum eigenen Auto. Das dachten sich auch Studenten von der RWTH Aachen und haben ein entsprechendes Konzept realisiert – von der Idee bis zur eigenen Firma. 

Professor Achim Kampker (RWTH Aachen) über Sinn und Zweck von innovativen Car Sharing-Modellen – und die Möglichkeit, damit auch dem Elektro-Auto auf die Sprünge zu helfen.

Ein Auto zu besitzen wird immer teurer. Immer mehr Menschen fragen sich: Kann und will ich mir ein jederzeit frei verfügbares, aber in den Gesamtkosten eben immer teurer werdendes eigenes Automobil noch leisten? Werden die Benzinpreise in einem Tempo steigen, wie sie es zuletzt getan haben? Wieviel werde ich für eine Tankfüllung in zwei oder drei Jahren bezahlen müssen. Übersteigt das womöglich mein „Budget“?

Die Einstellung der Konsumenten zum Auto verändert sich. Besonders bei Jüngeren wird das Auto von der Pole-Position verdrängt. Nicht nur in den Megacities dieser Welt, tendenziell auch in Deutschland. Ein Auto zu besitzen, es selber zu fahren, insbesondere in Großstädten mit gut ausgebautem öffentlichem Verkehrsnetz, verliert an Attraktivität.

Das hat weit reichende Folgen: Die strikte Trennung zwischen Individual- und öffentlichem Verkehr bricht auf. Die Frage nach einer bezahlbaren und nachhaltigen Mobilität führt zu einem Vermischen verschiedener Mobilitätskonzepte. Die Welt der Mobilität, der Nutzungs- und Finanzierungskonzepte wird bunter.

Eine mögliche Formel für differenzierte Fortbewegung mit dem Auto lautet „pay as you drive“. Ein Konzept, das zum Beispiel mit Car-Sharing-Angeboten vorangetrieben wird. Car Sharing kann zu einer besseren Ausnutzung der Ressource Fahrzeug führen – zumindest im direkten Vergleich mit der üblichen Nutzung des Autos, das in den allermeisten Fällen eher ein „Stand“- als ein „Fahr“-Zeug ist. Statistisch gesehen steht ein Auto 90 Prozent seiner Lebenszeit ungenutzt herum – so einschlägige Studien.

In Zukunft könnten Dienstleister entstehen, die sich auf integrierte Mobilitätsdienstleistung und Beratung spezialisieren. Reisebüros könnten sich zu Mobilitätsbüros weiterentwickeln. Diese ermitteln das Mobilitätsprofil und schlagen je nach Typ eine optimale Form der Mobilität vor. Es geht darum, flexible Angebote für spontane Nachfrage zu schaffen.

Ein Beispiel hierfür ist die Plattform „tamyca“, die in Aachen gegründet wurde und den Rahmen bietet, um Privatautos an andere Privatpersonen zu vermieten. Idee dahinter: Mehr als 42 Millionen Autos sind in Deutschland registriert, doch nur die wenigsten sind jeden Tag für eine längere Stecke unterwegs. Es gibt viele Situationen, in denen man seinen Wagen nicht benötigt. Warum den Pkw in dieser Zeit nicht vermieten?

Ob während der Arbeitszeit oder in den Ferien: Die Plattform http://www.tamyca.de (von: „take my car“) ermöglicht die Vermietung des eigenen Autos. Menschen, die kein Auto besitzen und nur hin und wieder einen fahrbaren Untersatz benötigen, suchen darüber nach Mietwagen in der Umgebung, die von anderen Privatpersonen registriert wurden. Der Vermieter bestimmt dabei selbst, zu welchen Preisen und wann er seinen PKW zur Verfügung stellt. Es gibt Tarife für nur vier Stunden, den ganzen Tag oder sogar eine Woche. Modell, Ort und weitere Details wie Kilometerstand oder Ausstattung werden ebenfalls angegeben. Darf im Auto geraucht oder ein Tier transportiert werden? Auch das wird vor der Schlüsselübergabe geklärt. Interessenten nehmen Kontakt mit dem Vermieter auf und bezahlen per Kreditkarte, Lastschrift oder PayPal.

Mit einem Versicherungsunternehmen haben die Macher von tamyca.de einen speziellen Tarif ausgehandelt. Dieser schließt Schäden am Mietauto sowie die Übernahme der Beitragserhöhung ein, falls der Fahrzeughalter nach einem Unfall seine Haftpflichtversicherung nutzen muss. Die Kosten übernimmt der Mieter. Darin ist auch die Vermittlungsprovision enthalten, mit der die Plattform finanziert wird. Für Vermieter ist die Nutzung generell kostenlos. Zwar ist in diesem Punkt sicherlich noch mehr Rechtssicherheit vonnöten, aber das Versicherungsmodell verfolgt den richtigen Ansatz.

Hinter der Plattform http://www.tamyca.de steckt ein studentisches Team aus Aachen, das die Individualmobilität neu gestalten möchte. Zur Erreichung dieses Vorhabens gründeten die Studenten und Absolventen aus den Bereichen Rechtswissenschaften, Informatik, Marketing, Elektrotechnik und Wirtschaftsingenieurwesen im August 2010 die tamyca GmbH und sind seit November 2010 im Internet erreichbar. Gemeinsam erarbeiteten sie sowohl das Konzept als auch die rechtlichen und technischen Grundlagen.

Zum heutigen Zeitpunkt, etwa ein halbes Jahr nach Start des Internetauftrittes, nehmen bereits über 4.000 Benutzer am sogenannten „privaten Carsharing“ teil. Die knapp 1.000 Autos, die über die Plattform vermittelt werden, reichen dabei vom klassischen VW Golf bis hin zum Porsche Boxster. Das Konzept scheint den Nerv der Zeit getroffen zu haben.

In Zukunft werden solche Konzepte und Dienstleitungen auch der E-Mobilität auf die Sprünge helfen können. Aufgrund der wachsenden Möglichkeiten, sich einen Mietwagen oder ein Car Sharing-Auto zu leihen, kann sich der Autofahrer beruhigt ein E-Fahrzeug mit begrenzter Reichweite für seine alltägliche Mobilität anschaffen. Auf der anderen Seite verliert er wegen der steigenden Zusatzangebote nur minimal an der Möglichkeit, auch längere Strecken zurück legen oder große Gegenstände transportieren zu können. Denn die Verfügbarkeit von Fahrzeugen ist mittlerweile sehr hoch und der zusätzliche Organisationsaufwand gering. Allerdings lässt sich dieser über zusätzliche Dienstleister – Stichwort Mobilitätsbüros – noch optimieren und komfortabler gestalten.

Fazit: Car Sharing-Modelle führen zu geringeren Einstiegshürden für E-Fahrzeuge. Das E-Fahrzeug für die planbare, sich wiederholende, tägliche Kurzstrecke im eigenen Besitz. Der Verbrenner bei zusätzlichem „Bedarf“ zur Miete.

2 Antworten zu “Hier mein E-Auto, da mein Mobilitätsbüro

  1. Es ist sehr schön zu sehen, das diese Diskussionen immer häufiger geführt werden. Mir persönlich geht der logische, weitere Schritt auch nicht schnell genug voran. Ich weiß auch nicht, was man da als Einzelner da machen kann, ausser sich mehr für die Grünen einzusetzen. Die Lobby der Energiekonzerne und ihr Streben nach dem Erhalt Ihrer Monopolstellung, blockiert solch logische Konsequenz vom Einsatz mobiler Elektrofahrzeuge, da damit eine Revolution der Energiegewinnung steht.

    Zwischenfrage! Wieviel Liter Benzin oder Diesel haben die meisten Menschen auf dieser Erde bis heute selbst hergestellt? Ich kenne keinen! Wieviel Menschen auf dieser Welt haben bis heute Elektrizität erzeugt? Jeder!?! Denn in uns fließen Ströme und beim letzten Einkauf hatte mein Einkaufswagen so viel überschüssige Energie, das er sie andauernd an mich ableiten musste.

    Aber mal im Ernst: Warum haben die im Süden kaum Sonne und im Norden keinen Wind? So wurde es in den 90er Jahren immer propagiert. „Windräder lohnen nicht, weil zu wenig Wind in Deutschland!“ Jetzt sehe ich überall Windräder. Der Bürger muss die Politik zwingen, mehr in Erneuerbare Energien bei privaten Bürgern zu investieren, statt den Konzernen die alleinige Macht zu überlassen. Es ist unsere Chance, komplett neue und sinnvolle ökologische und ökonomische Verkehrs- und Wohnkonzepte (zu 90% stehen unsere Autos nur rum…)

    zu entwickeln.

    Michael Bluhm hat schon tolle Ideen, jetzt muss man nur noch ein Forum schaffen in der man alles mal abklärt, wohin die Reise gehen soll. Monopol oder Wohlstand für alle.

    Der Bürger muss jetzt Mut für Veränderungen zeigen, und für neuere Entwicklungen sich stark machen.

    Ich kann mir so vorstellen, dass die Energie so für alle bezahlbar bleibt.

  2. Und das war wieder ein Artikel der mich genau trifft. Mein Arbeitgeber, die Hamburger Hochbahn, bereitet sich auf Konzepte vor, die den ÖPNV und den IV koppeln. Nicht nur Unternehmen, sondern auch Städte und Gemeinden mit P&R Plätzen, würden hier so manche Idee schneller voran bringen.
    HHAG: Es wird ein Betriebshof umgebaut. Kosten zurzeit ca. 30 Mio. für den Umabu auf ebener Erde. Keine Idee für Tief- oder Hochbau zur besseren Nutzung der Grundstücksfläche, weil zu teuer.
    Was fehlt? Der gesamte Umbau hat weder die anliegenden Hotels noch das Gewerbegebiet und die Anwohner eingebunden. Viele private PKW stehen auf der Straße und würden als E- Mobile keine Chance zum aufladen haben. Hotels haben nur begrenzt Platz für ihre Gäste mit PKW. Die zusätzlichen Fahrzeuge in der Stadt könnten durch E- PKW ausgewechselt werden, wenn in der Nähe ein Angebot zum tauschen wäre. Gewerbetreibende könnten auf diesem Betriebshof ihre E- Fahrzeuge laden um Kosten für die eigene Ladestation zu sparen. Preis im Monat könnte einer Monatsfahrkarte des ÖPNV entsprechen und die Gewerbe- und Privatfahrzeuge stünden auch anderen zur Verfügung. Hinzu kommt, dass man auch kleine Windkraftanlagen auf dem Gelände errichten könnte, um die Kosten für alle zu reduzieren und es ergäbe sich eine höhere Auslastung durch erhöhten Eigenverbrauch um die Speicherkosten zu reduzieren. Solche Anlagen könnten überall auf städtischem Grund und Boden (Gebäuden) stehen.
    Das alles liegt bereits bei der Hamburger Hochbahn von mir vor und es tut sich nichts.
    Man ist nicht bereit die Investitionen zu einem Teil durch gute Angebote wieder rein zu holen. Der Plan ist fertig und wird von der Politik abgesegnet.
    Wie man sieht muss man nicht studiert haben um auf solche oder ähnliche Ideen zu kommen. Es fehlt an Mut und Zukunftsdenken der Unternehmer und der Politik.
    Nun habe ich von Herrn Voscherau den Tip bekommen mich an die aktuellen Politiker in Hamburg zu wenden und am 04.07.2011 einen Breif an Frau Blankau, Senatorin für Stadtentwicklung und Umweltschutz, geschrieben. Ich habe bis heute gezögert diesen abzuschicken. Dieser Artikel hat mich jedoch darin bestärkt, alles zu versuchen, damit Investitionen nicht ins Bodenlose ohne Gewinn getätigt werden. Und wenn ich nur den Gedanken weiter trage und keinen realen Erfolg beziffern werde.
    Denn Ist der Gedanke erst mal eingepfanzt, wird es schwer ihn wieder zu verdrängen.
    Ein hervorragender Artikel der Mut macht und erhält von mir mehr als nur einen Stern **************usw.

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