64. IAA: Deutschland, einig Elektroland


Zukunft serienmäßig? Die 64. IAA war nicht nur die wichtigste Automobilausstellung, sondern auch die größte Elektromobilitätsmesse der Welt. Erstaunlicher noch: Unter den Autobossen waren fast nur noch Jubelstimmen über alternative Antriebe zu hören. „Wir sind auf dem Weg zum Null-Emissions-Auto“, verkündete Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie. 500 internationale Teilnehmer hörten auf dem „Fachkongress Elektromobilität“ des VDA, was die deutschen Topmanager und Politiker zur batterieelektrischen Zukunft zu sagen hatten. Und das war durchweg positiv.

(Foto: Jochen Wieler)

Audi urban concept (Foto: Jochen Wieler)

Verrückte Welt: Mitten im Frankfurter Messetrubel machte die Vollgasfraktion Werbung für Batteriefahrzeuge. „Volkswagen wird die Elektrifizierung in allen Segmenten vorantreiben“, so Rudolf Krebs, Konzernbeauftragter für Elektro-Traktion. Klaus Draeger ging noch einen Schritt weiter: „Wir erleben eine Revolution bei alternativen Antriebskonzepten.“ Zugleich warnte der BMW-Entwicklungsvorstand aber vor übertriebenen Erwartungen: „Nicht alles, was technisch machbar ist, wird auch wirtschaftlich darstellbar sein.“ Daimler-Chef Dieter Zetsche hatte bereits am Vorabend der IAA den grünen Umweltengel gegeben: „Selbst wenn der letzte Verbrennungsmotor optimiert, das letzte Haus gedämmt und die letzte Glühbirne verboten ist, hätte die Welt bei steigender Bevölkerung immer noch ein CO2-Problem.“

Scheinbar gehen dem Elektroauto die Kritiker aus. Von den Konzernbossen hat nur Hans-Georg Härter auf der IAA Zweifel an den Plänen der Bundesregierung geäußert: „Die Prognose, bis 2020 eine Million Elektroautos auf die deutschen Straßen zu bringen, wird schwer einzulösen sein.“ Doch der ZF-Vorstandsvorsitzende war auf dem Fachkongress Elektromobilität weder als Redner noch als Diskussionspartner zugegen. So konnte Peter Ramsauer unwidersprochen sein wiederkehrendes Credo zelebrieren: „Wir wollen weltweit Leitmarkt und zugleich Leitanbieter für Elektromobilität werden“, beschwor der Bundesverkehrsminister seine Zuhörer. „Als wir 2010 die Nationale Plattform Elektromobilität gegründet haben, war der Selbstzweifel in der Industrie groß.“ Aber es gebe keinen uneinholbaren Vorsprung der asiatischen Hersteller bei Hochenergiezellen, betonte der CSU-Politiker.

Neue Förderversprechen hatte der Minister nicht im Gepäck, und so referierte er noch einmal die Kabinettsbeschlüsse vom Mai dieses Jahres: „Mit einer weiteren Milliarde Euro für 2012 und 2013 werden wir gezielt auch die Batterieforschung fördern und die Zahl der entsprechenden Unilehrstühle von vier auf acht verdoppeln.“ Außerdem sollen drei bis fünf große Elektro-Schaufenster die Praxistauglichkeit der Elektrofahrzeuge unter Beweis stellen. Statt direkter Subventionen für den Kauf von E-Mobilen wird es für die Kunden nur Vorteile beim Parken und einen Entfall der Kfz-Steuer für zehn Jahre geben. Ob das genügt, um einen Boom der teuren Stromer auszulösen?

Der Bundesverkehrsminister blickte mit unvermindertem Optimismus in die Elektro-Zukunft – und berief sich in seiner Frankfurter Rede auf eine aktuelle Studie von Ernst & Young. Die Unternehmensberater hatten im Juli dieses Jahres 307 Unternehmen der europäischen Automobilindustrie befragt (12 Prozent Hersteller, 88 Prozent Zulieferer). Die Mehrheit der befragten Manager geht davon aus, dass der Marktdurchbruch von Elektrofahrzeugen zuerst in Europa stattfinden wird. Im Schnitt erwarten die Interviewpartner, dass sich die Stromer im Jahr 2022 vom Nischen- zum Massenmarkt entwickelt haben werden. Bei der Frage nach den Topstandorten in Europa werden der Bundesrepublik die besten Aussichten eingeräumt: Etwa jeder zweite Befragte erwartet, dass Deutschland zum führenden E-Mobility-Standort wird. Besonders optimistisch sind die deutschen Automobilmanager, die dem Heimatstandort gute Chancen bescheinigen.

Scheinbar hat die Nationale Plattform Elektromobilität ganze Arbeit geleistet. Zumindest hat sie erreicht, dass alle Beteiligten an einem Strang ziehen. Keiner der ansonsten streitlustigen Konzernbosse will sich in diesem Fall die Sympathien der Regierung verscherzen, denn Raumsauer stellte für die Zukunft weitere Fördergelder in Aussicht. Die Autoindustrie solle nun „zügig attraktive Elektroautos auf den Markt bringen“, so der Bundesverkehrsminister. Aber noch weiß niemand in der Branche, was die Kunden im Elektro-Markt überhaupt wollen. Wird die neue Generation des Smart fortwo electric drive ein Erfolg, der ab Frühjahr nächsten Jahres 19.000 Euro plus 60 Euro monatlicher Batteriemiete kosten wird? Daimler rechnet immerhin mit fünfstelligen Produktionszahlen, bestätigte Forschungs- und Entwicklungsvorstand Thomas Weber.

Bernd Bohr ließ sich von der allgemeinen Aufbruchstimmung in der Branche nicht beeindrucken: „Die Zukunft ist elektrisch – aber wann ist Zukunft?“, fragte der Leiter der Bosch-Sparte Kfz-Technik. Noch sei die Technologie in einem embryonalen Stadium, und es gebe unterschiedliche Szenarios, wie hoch der Marktanteil von Elektrofahrzeugen in den nächsten Jahrzehnten sein werde. „Das ist schwieriger vorherzusagen als alle anderen Techniktrends“, so Bohr. Hohe Stückzahlen seien in jedem Fall die Grundlage wettbewerbsfähiger Preise: 2020 würde ein E-Mobil mit einer Batterie von 22 kWh Kapazität für 150 Kilometer Reichweite 40 Prozent oder 4500 Euro teurer sein als ein vergleichbares Kompaktauto mit Verbrennungsmotor. „Allein die zahllosen Stecker und Kupferkabel kosten mehrere Hundert Euro, weil wir in alten Automobil-Architekturen denken. In zehn Jahren werden wir mit einem Schmunzeln auf die heutigen Elektrofahrzeuge zurückblicken.“

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4 Antworten zu “64. IAA: Deutschland, einig Elektroland

  1. Michael Bluhm

    Ist doch peinlich für die Bosse, dass sie nicht wissen was der Kunde als E- Auto haben will. Hängt es doch nicht zuerst vom Kunden ab, sondern von der verwendeten Technik, die man dem Kunden nahe bringen muss und natürlich von der Infrastruktur der Lademöglichkeiten. Da hat Herr ramsauer nichts zu gesagt.
    Und wenn man genau liest, will jeder Konzern das Monopol auf die akkus behalten und solange eine einheitliche Akkuproduktion verhindern wie es geht. Es wurde auch nichts von der individuellen Energieversorgung des PKW Nutzers gesagt, der sich ja mit kleinen Wind- oder Solaranlagen zu Hause auf dem Balkon oder Hausdach die Energie holen könnte. Da gibt es nämlich ein Problem mit dem Stromnetz. Die Netzbetreiber und Energieversorger lassen nicht jeden ran um Einzuspeisen und die Hürden für solche Anlagen bei der Genehmigung sind hoch.
    Hallo Wilhelm Herbi, ich stimme dir wieder einmal zu. Wo ist der Herr Ramsauer bei der Senkung von hohen Zöllen, um Fördermittel bei der Akkuentwicklung senken zu können. Der Herr ist eben ein schwatzhafter Politiker mit wenig Ahnung und Profil.
    Die Bosse wird es freuen so einen Deppen als politischen Chef zu haben.

    • “In 10 jahren werden wir mit einem Schmunzeln auf die heutigen Elektrofahrzeuge zurückblicken” ich bin 65 und hoffe in 5 jahren nicht auf die heutigen elektrofahrzeuge, sondern die heutigen politiker zurückblicken zu können. Das problem bei den Herstellern besteht darin, dass bisher “Macher” in leitender Position waren und sind, die als Qualifikation vor allem das “benzin im Blut” hatten. Was gebraucht wird, sind Hersteller, die nicht nur Elektrofahrzeuge bauen können, sondern Systeme anbieten. Es ist doch ein Unding, dass schon von Solarzellenanbietern mit den Anlagen gleichzeitig Speicher angeboten werden, andererseits große Automobilkonzerne es nicht fertigkriegen, mit dem E-Auto auch sofort ein System zur Nutzung des selbst erzeugten Solarstroms anzubieten. zur Zeit verbrauche ich im Jahr ca. 1800 kWh Strom aus dem öffentlichen Netz und speise aber mit meiner Solaranlage ca. 8000 kWh ein.

  2. Wilhelm Herbi

    Ramsauer weiß, dass er Falsches aussagt. Auch weitere Fördermilliarden oder Kriechenlandbriefe an die Nationale-Plattform-Elektromobilität bringt dem Volk nichts.
    Den hohen Zoll von den Litihium-Ionen-Akkus aus China nehmen, dann sind Stromspeicher für unter 250,– € pro kWh verfügbar. Den Rest erarbeitet der Handwerker und Garagenschrauber, mit Umrüstungen von Verbrennungsmotor auf Stromer.
    Daimler wird dann ganz schnell die smarte Monatsmiete von 60,– € für Smart Akkus vergessen und die B-Klasse für 19.000 € anbieten, inclusive 30 kWh Akku.

    Benzin- Dieselpreise von 3,– € pro Liter wären dann die Endlösung, oder der späte Sieg des Lohner-Porsche.

    Bemerkenswert aber die Aussage von Zetsche über die Plage Mensch, das tatsächliche CO2 Problem, welches dem blauen Planeten die Atemluft verpestet, kann auch die Pest nicht mehr lösen.
    Nur die Umkehr von “Wachset und mehret euch, macht die Erde kaputt” in ein “Verringert euch, der Mensch sei der Natur der Erde untertan”.
    Mit sonnigen Grüßen
    W. Herbi

  3. Welches soll denn das “vergleichbare Kompaktauto mit Verbrennungsmotor” sein? Mir ist kein solches Fahrzeug bekannt, dass nur eine Reichweite von 150 km hat. Und bei hohen Stückzahlen soll ein E-Auto dann 4.500 EUR teurer sein!? Der Verbrenner (mit mehr Reichweite als 150 km) soll also 11.250 EUR kosten, das vergleichbare E-Auto demnach 15.750 EUR. Ein Mehrpreis von 40% in diesem Bereich konkurrenzfähig und das in 10 Jahren bei hohen Stückzahlen… wenn das die Perspektive sein soll, sehe ich eher schwarz…