Die Mobilität der Zukunft 2: Erschwingliche Elektroautos


(Foto: Andreas Fechner)

Professor Achim Kampker mit dem Prototypen des „Streetscooter“.

Die Automobilindustrie ist im Umbruch. Ohne alternative Antriebskonzepte wird es künftig nicht gehen. Eine große Herausforderung. In der Serie „Die Mobilität der Zukunft“ widmet sich die Motorwelt jeden Monat den wichtigsten Fragen: Wie gut ist Deutschland für die Zukunft aufgestellt? Welche Art Auto werden wir 2020 fahren? Wir untersuchen und bewerten die Strategien der Konzerne, der Wissenschaft und der Energiewirtschaft. In Teil 2 unserer Serie stellen wir Ihnen eine Vision vor. In zehn Jahren sollen Elektroautos massentauglich und bezahlbar sein. Aber noch sind sie rar und teuer. Nun entwickeln deutsche Hochschulen Konzepte, um das zu ändern. Wir stellen vier Universitätsprojekte vor.

„Noch nie war es in der Branche so spannend und herausfordernd“, sagt Michael Dick, Entwicklungsvorstand von Audi. Er muss es wissen. Eine Million Elektroautos sollen bis 2020 allein in Deutschland fahren. Das Ausland soll sich künftig um deutsche E-Mobile reißen wie heute um deutsche Diesel und Benziner, hofft die Industrie. Problem nur: Das alltagstaugliche, sichere und bezahlbare Elektroauto gibt es noch nicht. Aber gerade die Kosten werden für den Erfolg von Elektroautos entscheidend sein.

Achim Kampker, Professor für Produktionsmanagement in Aachen, nennt die künftige Schmerzgrenze: „Ein Elektroauto darf in der Anschaffung vielleicht 500 Euro mehr kosten als ein herkömmliches Fahrzeug.“ Professor Markus Lienkamp von der Technischen Universität München (TU) sieht das ähnlich: „Im Moment straucheln alle an den Kosten. Es gibt noch kein einziges E-Auto mit einem vernünftigen Kundennutzen zum akzeptablen Preis.“ Die ersten Prototypen der Hochschulen fahren schon. Die Professoren wollen das ändern. Und entwickeln an ihren Hochschulen Konzepte, die dem Elektroauto zum Durchbruch verhelfen könnten. Gerade wurden fahrbare Prototypen beider Universitäten auf der IAA in Frankfurt vorgestellt. Erste Testrunden hatten die Autos bereits davor absolviert.

Die ersten Testrunden des Mute, unter der Betreuung von Professor Lienkamp. 20 Fakultäten entwickelten dieses Fahrzeug fachübergreifend. Vorgabe war, ein E-Auto in der Klasse der Leichtfahrzeuge mit extrem niedrigen Betriebskosten zu bauen.

Wie es heißt, mit Erfolg. Ob der „StreetScooter“ der RWTH Aachen oder der „Mute“ der TU München – beide Konzepte basieren auf der Idee eines elektrischen Kleinwagens für Stadt und Kurzstrecke. Der klassische Zweitwagen eben. Die Reichweite von etwa 100 Kilometern wäre ausreichend für diesen Zweck. Die typische Tagesfahrleistung eines Deutschen beträgt weniger als 50 Kilometer. Ziel von Professor Kampker ist es, den Traum vom Elektroauto ab 5000 Euro wahr werden zu lassen. Damit meint er den tatsächlichen Verkaufspreis des StreetScooter. Zwar ohne Mehrwertsteuer, aber inklusive Airbags, ABS, ESP, also allen notwendigen Sicherheitsdetails. Das Auto kauft der Kunde, die Batterie mietet er. Ansonsten bliebe das Auto für diesen Preis spartanisch ausgerüstet, ohne Radio und ohne Klimatisierung beispielsweise.

Zugriff auf bewährte Technologie

Ein ordentlich ausgestatteter StreetScooter wird auf einen Ladenpreis von 10.000 bis 12.000 Euro kommen, sagt Kampker. Außerdem werden Kosten für die Batterie anfallen, da die nicht im Kaufpreis enthalten ist. Kampker: „Bei der Finanzierung der Batterie denken wir an eine monatliche Pauschale zwischen 100 und 200 Euro. Die deckt die Kosten für den Strom und für sämtliche Wartungsarbeiten ab.“

Die Grundidee von Kampker: Das gesamte Fahrzeug soll weitgehend aus standardisierten Komponenten bestehen.

Außerdem sollen möglichst viele Teile verwendet werden, die es in der Automobilwelt schon gibt. Projektleiter Fabian Schmitt nennt ein Beispiel: „Rückleuchten und Scheinwerfer bekommen wir von der Firma Hella. Das sind fertig entwickelte Teile, die dank hoher Stückzahlen billig sind. Die Kostenvorteile nehmen wir mit.“ Für den Mute, das Elektromobil der Münchner, gilt das nur bedingt. Zwar greift das Team der TU auch auf bewährte Technologien zurück, aber alle Teile werden neu und passgenau entwickelt. Bei der Karosserie setzt das Team von Markus Lienkamp auf Aluminium und kohlefaserverstärkte Kunststoffe. Die teuren Materialien sind notwendig, um das Fahrzeug-Leergewicht (ohne Batterien) unter 400 Kilogramm zu halten.

Denn nur so kann das Auto als Leichtfahrzeug (Klasse L7E) zugelassen werden – das spart Kosten bei Versicherung und Steuer. Einen Verkaufspreis nennt Lienkamp nicht. Das sei Sache des Unternehmens, das den Mute produzieren und verkaufen will – was die TU auf keinen Fall tun werde, so der Professor. Aber natürlich wurde auch der Mute durchgerechnet. „Der Verkaufspreis wird höher liegen als der für einen Smart mit Verbrennungsmotor“, sagt Lienkamp, „dafür kommt er in den Betriebskosten deutlich günstiger. Das rechnet sich für den Kunden.“ Die monatlichen Gesamtkosten für den Mute sollen bei circa 340 Euro liegen. Für den Smart 1.0 mhd (Preis: 10.190 €) betragen die Gesamtkosten nach ADAC Berechnung 363 €.

Achim Kampker kann sich vorstellen, sein Elektromobil in Eigenregie zu bauen. Und hat dafür die StreetScooter GmbH gegründet. Es gibt schon einen namhaften Auftraggeber, wie auf der IAA verkündet wurde: Die Deutsche Post will den StreetScooter im Briefzustell- und Paketdienst einsetzen. Kampker hat einen Stufenplan: in den nächsten Jahren 2000 Exemplare des StreetScooters bauen, um dadurch das Vertrauen potenzieller Großinvestoren zu gewinnen. Und dann wären auch sechsstellige Produktionszahlen möglich.

E-Bike mit selbst entwickeltem Wechselakku

Die Westsächsische Hochschule Zwickau (WHZ), Lehrstuhl Professor Peter Stücke, beschäftigt sich mit elektrischen Antrieben, die im Motorsport eingesetzt werden können. Dazu gibt es seit Jahren eine Kooperation mit dem ADAC Sachsen. Motorsport ist ein probates Mittel, um den Technologie-Wettbewerb anzukurbeln. Erstes Ergebnis: ein Formel-Elektro-Auto. Mit zwei Radnaben-Motoren vorn und zwei an der Hinterachse montierten E-Motoren. Der „Monoposto“ der WHZ hat etliche Podestplatzierungen in der „Formula Student“ erzielt. Einer Rennserie, in der sich mittlerweile 60 Hochschul-Teams messen.

Zweites Projekt der WHZ ist ein kleines Motorrad, das „E-Power-Bike“. Entwickelt wurde es von Martin Jentsch im Rahmen seiner Diplomarbeit. Eckdaten des E-Bike: 72 Kilogramm leicht, selbst entwickelter Wechselakku, mit einem Wirkungsgrad von 90 Prozent besonders effizient.

(Foto: Andreas Fechner)

Studenten in Iserlohn testen E-Mobile.

Das „E-Power-Bike“ soll ebenfalls im Rennsport eingesetzt werden, aber auch für den privaten Nutzer im Straßenverkehr interessant sein. Die Firma „Herms Technologies“, auf Initiative von WHZ-Studenten gegründet, will die entwickelte Technik vermarkten. Standort: natürlich Zwickau. Studenten in Iserlohn erforschen den Elektroalltag.

Selten bewegte Fahrzeuge sind teuer und ineffektiv

Ein völlig anders ausgerichtetes Projekt wird an der Business and Information Technology School (BiTS) verfolgt, einer privaten Hochschule in Iserlohn. Hier geht es nicht um Entwicklung oder Bau von Elektrofahrzeugen, sondern darum, wie sie von Kunden optimal genutzt werden können. Dafür testen 23 Studenten Elektromobile auf ihre Alltagstauglichkeit. Im Fuhrpark: ein zum Elektroauto umgebauter Fiat 500 (Karabag 500E), drei E-Roller und fünf Pedelecs der Stadtwerke. Die Studenten halten alle zurückgelegten Strecken fest, messen den Stromverbrauch und entwickeln intelligente Carsharing-Modelle. Idee: die Elektrofahrzeuge so geschickt einzusetzen und zu laden, dass sie von möglichst vielen Personen genutzt werden können. Denn ein Fahrzeug, das selten bewegt wird, ist teuer und ineffektiv.

Zwei Wirtschaftsingenieur-Studenten mit der Spezialisierung Zukunftsmobilität werden ab Oktober 2011 mit Stipendien des ADAC in Kooperation mit der BiTS im Gesamtwert von über 50.000 € gefördert. Dr. Reinhard Kolke, Chef des ADAC Technik Zentrums in Landsberg und Dozent an der Hochschule in Iserlohn: „Studenten sind eine wichtige Zielgruppe für Elektrofahrzeuge. Sie sind häufiger mit dem Elektroroller oder mit dem Pedelec unterwegs, umweltpolitisch und technisch interessiert und preissensibel. Universitäten und Fachhochschulen sind daher auch der ideale Standort für Elektrosäulen.“

Text: Wolfgang Rudschies

Fotos: Andreas Fechner

6 Antworten zu “Die Mobilität der Zukunft 2: Erschwingliche Elektroautos

  1. Pingback: Anonymous

  2. Hallo, wer es noch nicht wiessen sollte,
    es gibt bereits einen Gebrauchtwagenmarkt für Elektroautos.
    http://www.elektroauto-forum.de/Kleinanzeigen/kategorie.php?kat=1
    Hier dominieren eindeutig die Franzonsen, schade für Deutschland.

  3. vernünftige, einfache, leichte, wenig komplexe, modulare, standardisierte Aufbauten
    !=
    Profit

    Da wird wohl unsere größte Kreativitätsbremse zu suchen sein. Wie wärs denn beispielsweise mit einem sehr kleinen, leichten Wagen, niedriger cw-Wert, ausgelegt auf max. 100km beispielsweise vollelektrisch? Und für den 300km Wochenendtrip zu Freunden Luke auf, Range-Extender-Komplettpaket einschieben und in standardisierte Stromkupplung einstecken, tanken und mit immer noch wesentlich geringerem Verbrauch und Emission los ins Wochenende? Oh Gott… Revolution…

  4. Wolfgang Müller-Brunke

    Elektroauto durch TANKSOLAR.com
    Es gibt so viele Argumente, die uns von dem Kauf eines Elektroautos abhalten sollen, oder mindestens sollen wir verunsichert werden. Die Angst mit einem Elektroauto liegen zu bleiben, sitzt immer noch fest in unseren Köpfen. Hier soll auch der Stromverbrauch des Fahrlichtes ein Rolle spielen. In einer Fernsehsendung ist auch gesagt worden, dass der Fahrer des Mini E seinen Radio ausschalten hat müssen, da er sonst nicht mehr nach Hause gekommen wäre. Elektrische Heizung oder auch die Klimaanlage brauchen wirklich Strom, aber nicht die anderen kleinen Verbraucher. Vorausschauend fahren, spart richtig Strom, oder auch den Luftwiderstand senken, indem man etwas langsamer fährt.
    Sonnige Grüße aus dem Chiemgau
    Wolfgang Müller-Bunke

  5. Pingback: electrive.net » Volker Blandow, TÜV SÜD, Tesla, Gitano, BMW, ADFC.

  6. Es ist doch Quatsch zu behaupten, ein Elektroauto darf max. 500 Euro mehr kosten als ein Verbrenner…Ein Elektroauto ist doch viel mehr als ein PKW, bei dem man den Verbrenner gegen ein paar Zellen und eine E-Motor ausgetauscht hat. Es ist ein anderes Fahren und ein anderer Umgang mit Energie und Mobilität, ein anderes Produkt. Wenn man das richtig vermittelt, dann kann so ein Produkt auch deutlich mehr kosten. Siehe: iPod. MP3s kann man auch auf einfachsten Playern für 15,- (ALDI) abspielen. Dennoch kaufen die Leute wie verrückt die teuren Dinger von Apple. Der Preis macht nicht den Ausschlag! Und der Mehrpreis kommt z.T. über eingesparte Kosten (im Vergleich zum Verbrenner) und die Anwendungsvorteile wieder rein: nie mehr Tanken, nie mehr Ölwechsel, nie mehr ärgern über defekte „Abgasrückführungssysteme“ und all so´n Zeugs, nur noch Fahren und Freuen. Emotion verkauft.

    Julian

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