Volkswagen: Ein Riese auf Kurs


Kann was: Aktuell finden Flottentests mit dem Elektro-Golf statt

Watt Ihr Volt: Aktuell finden Flottentests mit dem Elektro-Golf statt

Die Automobilindustrie ist im Umbruch. Ohne alternative Antriebskonzepte wird es künftig nicht gehen. Eine große Herausforderung. In der Serie „Die Mobilität der Zukunft“ widmet sich die Motorwelt jeden Monat den wichtigsten Fragen: Wie gut ist Deutschland für die Zukunft aufgestellt? Welche Art Auto werden wir 2020 fahren? Wir untersuchen und bewerten die Strategien der Konzerne, der Wissenschaft und der Energiewirtschaft. Der Höhepunkt zum Abschluss: Die Serie endet mit einem hochkarätig besetzten Symposium des ADAC im Juli 2012 in Berlin.

Nachts sieht das VW-Stammwerk wie ein riesiges Schiff aus. Vier Kamine über dem Heizkraftwerk erinnern an einen Ozeandampfer, der im Mittellandkanal
angelandet ist. Im Bürohochhaus daneben steht Prof. Martin Winterkorn auf der Brücke. Der Kapitän des größten europäischen Automobilkonzerns schiebt dort regelmäßig Nachtschichten, um seine 448.000 Mann (und Frau) starke Besatzung durch stürmische Zeiten zu lotsen. Wie bringt man einen Weltkonzern mit 90 Fabriken sicher durch die Untiefen eines Epochenwandels? „Die Elektromobilität ist für den Automobilstandort Europa als Ganzes eine Jahrhundertaufgabe“, sagt der 64-jährige Konzernlenker.

Mit der Elektromobilität steht ein Technologiesprung an, der sich mit dem Übergang von der Schreibmaschine zum Laptop vergleichen lässt. Fragt man den früheren Audi-Vorstand Winterkorn nach seinen Erfahrungen mit revolutionären Sparautomobilen, bekennt er sich als „3-Liter-Auto-geschädigt“. Vor 15 Jahren wurde der Audi A2 zum Flop, weil sich das Sparwunder wegen des teuren Leichtbaus für Kunden nicht rechnete. Der A2 TDI 3L fand nur 6417 Käufer. Mit dem Modell Up nehmen die Wolfsburger einen neuen Anlauf. Mitte 2013 startet der Kleinwagen als erstes Elektroauto des Konzerns, wenig später geht der rein elektrische Golf in Serie.

Und das, obwohl VW mit der E-Technologie schon einmal einen Rückschlag erlebte: 1992 nahmen deutsche Autohersteller an einem Modellversuch auf der Insel Rügen teil. Trotz 60 Millionen D-Mark Zuschuss und 1,3 Millionen Testkilometern verebbte die Initiative vier Jahre später. Könnte auch dem aktuellen Elektrotrend das Aus drohen? „Nein“, sagt Dr. Rudolf Krebs, „bei der Elektromobilität ist das Schiff aus dem Hafen. Das holt man nicht mehr zurück.“ Der Volkswagen-Konzernbeauftragte für Elektrotraktion verweist auf Milliarden-Förderprogramme in aller Welt.

Auch bei Volkswagen fließt viel Geld in die Entwicklung und den Serienstart der Stromer. Bis 2018 soll der Konzern die Führung in der Welt übernommen haben. Noch koste der Elektroantrieb das Fünffache eines normalen Verbrennungsmotors samt Tank und Getriebe, erklärt Rudolf Krebs und warnt vor überzogenen Erwartungen hinsichtlich des Kundenechos: „Mit der jetzigen Batterietechnologie sind E-Autos nicht langstreckentauglich. Auf der Autobahn bei 130 km/h sind die Fahrwiderstände so hoch, dass die Reichweite von 150 auf 80 Kilometer sinkt.“ Daher gehen die VW-Verantwortlichen davon aus, dass Fahrzeuge mit alternativen Biotreibstoffen und CNG-(Erdgas-) Antrieb in dieser Dekade deutlich mehr verkauft werden. Trotzdem wird Volkswagen die Elektrifizierung aller Fahrzeugklassen vorantreiben.

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VWs Strategie: Alle Fahrzeuge mit alternativem Antrieb werden gemeinsam mit Benzinern und Dieselmodellen von ein und demselben Band rollen. Statt völlig neue eigenständige Elektrofahrzeuge zu entwickeln, werden die Modelle vom
Polo über den Golf bis hinauf zum Passat mit Ladekabel angeboten. Grundlage dafür ist der neue Modulare Quer-Baukasten (MQB), auf dem auch der aktuelle Audi A3 aufbaut. Der MQB ist der Schlüssel zur künftigen Konzernstrategie: Aus Kostengründen lässt sich das Auto nicht ständig neu erfinden. Winterkorn und sein Cheftechniker Dr. Ulrich Hackenberg haben das Baukastensystem gegen alle Widerstände im Konzern durchgesetzt. Hinter den Kulissen zerschlugen sie die alten, starren Modellplattformen und stoppten Alleingänge der Marken. Das MQB-System ist so variabel, dass sowohl leicht elektrifizierte Hybridantriebe als auch rein elektrische Varianten mit großen Batteriepaketen untergebracht werden können. Damit wird die Fahrzeugproduktion besonders flexibel und besonders kosteneffizient.

Eine gute Voraussetzung, um das Elektroauto durch Massenproduktion bezahlbar zu machen. Kostensenkung bleibt trotzdem die große Aufgabe der
Industrie, meint Krebs und stellt den VW-Konzern vorsichtshalber auf Nachfrageschwankungen ein. Mittelfristig würden ohnehin eher Mischformen der Technologien vom Kunden angenommen. Volkswagen-Chef Winterkorn: „Der Plug-in-Hybrid verbindet das Beste aus zwei Welten: einen uneingeschränkten verbrennungsmotorischen und einen attraktiven elektrischen Aktionsradius im Alltagsbetrieb.“ Mit einer Batteriekapazität von 13 kWh kann der Plug-in-Golf etwa 50 Kilometer elektrisch zurücklegen. Danach springt ein 115 PS starker 1.4 TSI-Benziner ein und dehnt die Reichweite auf bis zu 900 Kilometer. Angenehmer Nebeneffekt des Konzepts: Beim kräftigen Beschleunigen ziehen die beiden Antriebe an einem Strang und erreichen eine Spitzenleistung von 163 PS. Der Schub von bis zu 600 Nm aus dem Stand ist phänomenal – und bereitet enorme Vorfreude auf eine Zukunft elektrischen Autofahrens.

Beim Blick in die Glaskugel zeichnet sich für VW ein Bild ab, dass 2018 etwa drei Prozent der Konzernfahrzeuge mit einem Ladekabel ausgeliefert werden. Bei einem geschätzten Jahresabsatz von 10 Millionen Fahrzeugen wären das 300.000 Stromer weltweit. Davon könnten drei Viertel Plug-in-Hybride sein. Ob das genau so kommt oder doch wieder anders, hängt vom Kaufverhalten der Menschen ab. Krebs: „Bis 2015 werden wir klarer sehen.“ Am Ende werde aber nicht Europa, sondern China der wichtigste Markt für Elektromobile. China ist mit Abstand der weltgrößte Importeur von Erdöl. Da will die Regierung erkennbar gegensteuern. Text: Joachim Becker

7 Antworten zu “Volkswagen: Ein Riese auf Kurs

  1. Unglaublich, zu behaupten VW sei auf Kurs. Kein Hersteller hat die Zukunft so verschlafen wie VW!

    Wer baut denn das erste Elektrofahrzeug eines deutschen Konzerns? Richtig, Daimler mit dem Smart ED. Auch BMW ist auf Kurs mit dem i.

  2. Und schon wieder ´mal: „…dass die Reichweite von 150 auf 80 Kilometer sinkt.“
    Na und?
    Erstens sind IMMER NOCH über 90% der Fahrten Kurzstrecken, meisst sogar unter 20km! Und das ist ja extrem schädlich für die Laufleistung eines „normalen“ Motors und ausserdem sehr spritverschwendend…
    Und zweitens kann man doch eben einen kleinen Range-Extender einbauen!

    Die Reichweite wird sich im Laufe der Entwicklung der Akkus sowiso automatisch verlängern (beim selben Elektrofahrzeug), man braucht nur die Akkus auszutauschen!

    Aber was mich noch mehr interessieren würde, ist:
    wann ist endlich der Nachrüst-Pack mit Radnabenmotoren und Akku für normale „alte“ Autos fertig?…
    (Jaja, schon gut… aber man wird doch wohl noch träumen dürfen!).

    • Nachrüstpack… möglich ist alles. Aber das wäre schon ganz schön viel verlangt. Wo es sich doch leider schon als unrealistisch darzustellen scheint, das realistisch direkt Machbare zu realisieren. Weg vom alten vollgestopften, komplizierten Verbrenner. Hin zu einem simpel aus Komponenten zusammengesetzten Fahrzeug. Radnabenmotoren. Steuereinheit. Primärenergieträger.

      Primärenergieträger… Wie wäre es mit einem einschiebbaren Sekundärenergieträger? Luke auf, Rangeextender rein. Reichweite x Faktor X. Oder der Rangeextender bleibt daheim. Weniger Gewicht – weniger Energieverbrauch.

      Nee, was ist träumen schön…

  3. Pingback: electrive.net » Porsche, Bosch, Samsung, Steyr Motors, ZSW, Karabag.

  4. Anmerkung: Dieser Beitrag war nicht ganz ernst gemeint😉

  5. „Im Vergleich zu den sparsamsten Benzin-, Diesel- oder Gasfahrzeuge seien sie für den Klimaschutz »überhaupt kein Vorteil», sagte ADAC-Vizepräsident Burkhard am Donnerstag in München“
    Bei diesem Standpunkt des ADAC kann man das Ergebnis der Bewertung der Strategie der Konzerne ja schon erahnen. Die Schreibmaschine gewinnt haushoch gegenüber Laptop. Die Schreibmaschine ist robuster, einfacher bedienbar, langlebiger und wesentlich stromsparender. Auch bei Virenanfälligkeit und Firmwareupdates liegt die Schreibmaschine vorne.

  6. „Das Schiff ist aus dem Hafen…“ – einen gewisser ironischen Beigeschmack kann man einer solchen Aussage leider nicht absprechen. Wissen doch alle Konzerne seit Dekaden was Elektro-Mobilität – weitergedacht – bedeutet. Und wie lange haben sie alle an den alten Konzepten festgehalten? Den Konzepten, die fortwährend Geld einspielen. Die Verbrenner, die zwar auf den ersten Blick immer besser, auf den zweiten jedoch ohne Expertenwissen und -hardware immer unwartbarer gemacht wurden.

    Und was wäre da ein bis ins Ende auf sinnvoll getrimmtes Elektrofahrzeug? Wirklich weit gedacht wäre es ein Wartungswunder. Und Wartungswunder bringen bekanntlich niemandem Geld…

    Tja, liebe Freunde… „Das Schiff ist aus dem Hafen…“ Komplett stoppen könnt Ihr es glücklicherweise nicht mehr. Auf der Bremse steht Ihr trotzdem soweit als Euch vertretbar möglich. Honi soit qui mal y pense.

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