Die neue Bescheidenheit: Der Abt E-Caddy


Der Edeltuner Abt Sportsline begibt sich auf unbekanntes Terrain: Für die Deutsche Post hat das Unternehmen einen Elektro-Caddy geschaffen.

Wer durch die Räumlichkeiten bei Abt Sportsline in Kempten streift, hat nicht das Gefühl, dass hier kleine Brötchen gebacken werden. In den oberen Etagen reiht sich Pokal an Pokal, historische Rennwagen verschiedener Epochen lösen sich in einem kleinen Museum mit alten Motorrädern ab. Im Verkaufsraum im Erdgeschoss steht ein Audi A6, der so viel kostet wie ein Reihenhaus – mit sagenhaften 730 PS unter der Haube. Fußballprofis schlügen bei diesem Modell ganz gerne zu, sagt man uns. Das ist die Abt-Welt, wie man sie kennt.

Zwischen all dem PS-Wahnsinn: ein unscheinbarer VW Caddy mit 65 kW Leistung und einer Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h. Ein Elektroauto. Neuland für den Edeltuner, doch offensichtlich will man in Kempten auch für die Zeit nach den Verbrennungsmotoren gewappnet sein. In Auftrag gegeben hat den Elektro-Transporter die Deutsche Post zum Stückpreis von 35.000 Euro netto. Die Post möchte ab 2020 kein Auto mehr mit Verbrennungsmotor in den Fuhrpark nehmen.

Doch warum Abt und nicht VW? „VW fängt unter einer Stückzahl von 20.000 Autos gar nicht erst an“, erklärt Jens Häberle, der technische Leiter für Elektroautos bei Abt. Und um Stückzahlen geht es der Post erstmal nicht. Mit den 10 Elektro-Caddys, die für die Brief- und Paketzustellung bestellt worden sind, möchte die Post erste Erfahrungen sammeln. Elektroautos scheinen für ihren Einsatzzweck ideal zu sein: Kurze Strecken, niedrige Geschwindigkeiten, viel Stop-and-go – Bedingungen, unter denen E-Autos im Gegensatz zu Verbrennern sehr wirtschaftlich laufen. „Eigentlich ist unser Akku für die Post sogar überdimensioniert,“ sagt Jens Häberle. Mit einer Kapazität von 28 kWh käme der Caddy im EU-Normzyklus schließlich rund 210 Kilometer weit, in der Praxis sind es circa 140. Meist sind die Postautos aber nicht mehr als 50 Kilometer am Tag unterwegs.

Die Lithium-Eisen-Phosphat-Akkus bezieht Abt vom amerikanischen Hersteller A123 und platziert sie unter dem Fahrzeug und im Motorraum. So geht kein Laderaum verloren. Rund 300 Kilogramm wiegen die fertigen Akku-Module. „Das Gesamtgewicht des E-Caddy liegt nur 60 Kilogramm über dem Caddy mit Verbrennungsmotor“, sagt Häberle stolz. „Die Steuerelektronik ist eine Eigenentwicklung, aber das Getriebe übernehmen wir vom Serienmodell.“ Und dass der Bordcomputer zwischen Tacho und Drehzahlmesser die Reichweite exakt anzeigt, „war eine ganz schöne Bastelei“, verrät der Chefentwickler.

Wie eine Bastelbude wirkt der Elektro-Abt allerdings ganz und gar nicht. Die Bedienung ist so einfach wie bei einem Serien-Stromer: Den eigens kreierten Schalthebel nach vorne legen heißt auch nach vorne fahren, nach hinten ziehen legt den Rückwärtsgang ein. So beschleunigt der Transporter gleichmäßig und leise, kann gut im Verkehrsfluss mithalten. Wer defensiv fährt, kann die angegebene Praxisreichweite auch locker um 20 oder 30 Kilometer übertreffen. „Auch die Zusteller von der Post mussten lernen, wie man mit einem Elektroauto effizient fährt“, sagt Jens Häberle. Für sie ist die neue Art von Mobilität eben auch Neuland.

Rund 40 Stück will Abt erst einmal vom Elektro-Caddy bauen, hat auch schon eine Handwerkerversion mit Einbauten für Werkzeuge gefertigt. Und wenn die Nachfrage höher ist? „99 Fahrzeuge einer Version können wir pro Jahr bauen, damit es noch eine Kleinserie bleibt“, erklärt Häberle. Doch bis alle Autos in Kundenhand sind, werden nebenan neue PS-Rekorde produziert: Das jüngste Kind ist ein Golf mit 400 PS.

Text: Jochen Wieler

5 Antworten zu “Die neue Bescheidenheit: Der Abt E-Caddy

  1. Eigentlich nur WIRTSCHAFTSFOERDERUNG FUER ABT …

    VON RLE gab (gibt?) es den E-Caddy schon seit Jahren (bin den RLE „MaxEV“ selbst 2012 auf der Elektromobilia Probegefahren) …
    http://www.youtube.com/watch?v=AX9RYNwespc
    https://www.rle.de/index.php?id=84&tx_ttnews%5Btt_news%5D=891&cHash=0166ecf3b25284d8358e574eab9352a2

    Warum dieser „Kleinserien HOKUSPOKUS“ ? (Nur ABM ?;-) )
    Es gibt doch SERIENFAHRZEUGE (wie KANGOO Z.E. MAXI oder nun neu
    den NV200E von Nissan) … da braucht es keine BASTELWARE (auch nicht
    unbedingt den Streetscooter (vor 2Monaten in Huerth probegefahren … naja)) …

    http://forococheselectricos.com/2014/03/deutsche-post-anadira-mas-de-300-electricos-renault-su-flota.html

    Kangoo Z.E. Zustellfahrzeuge laufen doch bereits seit ueber 2 Jahren in div.
    Zustellbezirken (nicht nur hier im Rheinland) …

    http://www.mysnip.de/forum-archiv/thema-35352-395666/FORSCHUNGSPROJEKT+eLieferung+40+E-Caddy+von+ABT+__.html

    • Warum überhaupt etwas entwickeln. Die Fahrzeuge mit Bleibatterie aus Kaiser Wilhelms Zeit tuen es doch auch .

      PS. Wer Sarkasmus findet darf ihn behalten.

  2. onlyelectrodriver

    Ich vermute hier das VW strategisch gegen Streetscooter Postfahrzeuge angeht

  3. Sind Sie sicher, dass es sich um einen Typ 1 Stecker (SAE J1772) handelt? Das wäre extrem ungewöhnlich in Deutschland. Die Ladedose sieht eher aus, wie die Standard VW Dose des Typ 2….

    • ADAC Motorwelt Blog-Team (tn)

      Sie haben Recht, es handelt sich nicht um den Typ-1-Stecker, sondern um einen „normalen“ Starkstrom-Stecker. Wir haben die Bildunterschrift entsprechend angepasst. Danke für den Hinweis.

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