Traumschiff Surprise


Mit dem elektrischen Mini-Van Budd-e geht VW auf Zeitreise in die Zukunft. Wir konnten den futuristischen Wolfsburger bereits in Las Vegas Probe fahren.

Für Autos haben sie auf dem Las Vegas Boulevard normalerweise keinen Blick. Erst recht nicht, wenn sie von VW sind. Denn wenn von der Skyline Millionen Lichter funkeln und sich auf dem Strip die Stretchlimousinen stauen, gibt es Spannenderes zu sehen als einen Volkswagen. Normalerweise! Aber was ist schon normal in Las Vegas?

Dzemal Sjenar jedenfalls kann sich über mangelnde Aufmerksamkeit nicht beklagen. Allerdings fährt der Ingenieur auch keinen normalen VW. Dieser Mann baut in Wolfsburg die Designstudien, mit denen die Niedersachsen auf den Messebühnen dieser Welt glänzen. In nur einem Jahr hat er es geschafft, für die Elektronik-Messe CES in Las Vegas den VW Budd-e auf die Räder zu stellen. Jetzt ist die Messe vorüber und der VW-Ingenieur bittet zur Jungfernfahrt mit dem futuristischen Auto, das der von Markenchef Herbert Diess ausgerufenen Idee von „New Volkwagen“ ein Gesicht geben soll.

Auf Jungfernfahrt

Dabei funkelt der in Natura überraschend riesige Van mit seinem umlaufenden Leuchtband und den LED-Displays anstelle des Kühlers so spektakulär, dass der Las Vegas Boulevard für einen kurzen Moment etwas blasser wirkt, die Passanten zumindest kurz den Kopf drehen und auf einen VW Bus starren, der wie ein Ufo auf Rädern über den Asphalt säuselt. Und dabei sehen sie den von Designchef Klaus Bischoff um Lichtjahre in die Zukunft katapultierten Bulli-Enkel nur von außen.

Wer ihn von innen sieht, betrachtet die VW-Welt mit ganz neuen Augen. Und zwar weil alles in Apple-Weiß gehalten ist. Weil dort, wo sonst Platz für sieben Sitze in drei Reihen wäre, nur ein kuscheliges Loungesofa montiert ist, oder weil an der Seitenwand ein 34 Zoll großer TV-Monitor hängt, auf dem man im Internet surfen, seine sozialen Netzwerke knüpfen oder zu Hause nach dem Rechten sehen kann. Vor allem aber, weil es statt eines konventionellen Cockpits nur noch eine umlaufende Konsole im Tablet-Style gibt.

Vertrautes Fahrgefühl

Wo früher mal Schalter und Schieber waren, lesen berührungsempfindliche Oberflächen dem Fahrer die Wünsche von den Fingerkuppen ab. Und für die meisten Befehle braucht man nur noch eine Geste. Selbst die elektrischen Türen öffnen sich, begleitet von einem wunderbaren SciFi-Sound, mit einer Wischbewegung: Willkommen im Traumschiff Surprise, denkt man beim Einsteigen und wundert sich, dass überhaupt noch ein Lenkrad und zwei Pedale vorhanden sind.

Dafür ist das Fahrgefühl fast schon vertraut. Denn genau wie der eGolf schreitet der Budd-e beim Kickdown kräftig aus und fährt viel schneller, als es Dzemal Sjenar lieb ist. Nicht nur weil die handgedengelte Karosserie auf der miserablen Fahrbahn gefährlich knirscht und knarzt, sondern auch, weil die 21-Zöller einzeln angefertigt wurden und eigentlich nur für Schritttempo geeignet sind.

Alltagstaugliches Elektroauto

Doch so eingeschränkt der Budd-e in der Praxis noch sein mag, so eindrucksvoll ist sein Antrieb in der Papierform. Vorn eine E-Maschine mit 136 PS, hinten eine mit 170 PS und dazwischen ein Akku mit 92,4 kWh, der am DC-Charger binnen 30 Minuten zu 80 Prozent aufgeladen ist: „Das reicht für einen Sprintwert von 6,9 Sekunden, für ein Spitzentempo von 180 km/h und für über 500 Kilometer Fahrstrecke“, betet Sjenar die Eckdaten herunter. Damit macht VW das Elektroauto alltagstauglich und schließt die Lücke zu Benziner und Diesel, so die Botschaft des Schaustücks.

Aber der VW-Ingenieur will nicht nur die Praxistauglichkeit des Elektroantriebs erhöhen, sondern zugleich die Kosten senken: „Wir heißen ja schließlich nicht umsonst Volkswagen.“ Noch drückt er sich natürlich geschickt um die Preisfrage. Doch seine ausweichende Antwort ist trotzdem eine Ansage: „Wenn wir konventionelle Fahrzeuge durch Elektroautos ablösen wollen, müssen wir uns auch preislich auf dem gleichen Niveau bewegen.“ Viel mehr als die 40.000 Euro eines gut ausgestatteten Sharans dürfte der Budd-e demnach nicht kosten.

Geschrumpfter Motorraum, größere Beinfreiheit

Möglich wird das – wenn überhaupt – mit dem Modularen Elektrifizierungsbaukasten (MEB), dessen Entwicklung VW vor einem Jahr angestoßen hat. Genau wie für alle anderen Baureihen planen die Wolfsburger einen Komponentensatz, aus dem alle Konzernmarken ihre Elektrofahrzeuge konstruieren können, erläutert Sjenar und rechnet mit dem ersten Serienauto Ende 2019. Dass es dann gleich ein Retro-Bus wie der Budd-e sein wird, will er aber lieber nicht versprechen: „Für diese Form haben wir uns als Tribut an die Amerikaner entschieden, und weil wir ein bisschen Platz brauchten, um unser Infotainment-Konzept zu zeigen.“ Viel wahrscheinlicher ist deshalb ein Cross-over wie ein abgerüsteter Tiguan, ein Monospace wie der BMW i3 oder ein Coupé im Stil des Prius.

„Der MEB hat nicht nur Kostenvorteile“, sagt Sjenar. Vor allem haben die Entwickler viel mehr Freiheiten: „Wir müssen keine Verbrenner mehr vorsehen, keine Tanks, keine Kühler und keine Abgasanlagen“, freut sich der Projektleiter und schwärmt von einer maßgeschneiderten Elektro-Architektur mit einem flachem, skalierbaren Akkupack im Wagenboden, mit Front-, Heck- oder Allradantrieb und Platzverhältnissen, wie man sie selbst im echten Bulli-Erben T6 nicht kennt. Schließlich ist nicht nur der Mitteltunnel weggefallen, sondern auch der einstige Motorraum ist mächtig geschrumpft und damit die Beinfreiheit gewachsen.

Einsteigen, losfahren, ankommen

Jetzt noch ein Sprung bei der Speichertechnik und eine vernünftige Infrastruktur, dann kann Sjenar tatsächlich von Elektroautos träumen, bei denen eine Ladepause nicht länger dauert als eine Partie Poker im Casino und bei denen man über die Reichweite nicht mehr nachdenken muss. Einsteigen, losfahren, ankommen – wenn seine Pläne aufgehen, fährt man elektrische VW vielleicht bald genauso sorglos wie einen Benziner oder Diesel. Nur dass man sich – sorry VW – nicht mehr über irgendwelche Software Sorgen machen muss.

Ein schönes Traumbild, das gut zu den Illusionen passt, die Las Vegas den Gästen in den Wüstensand zaubert. Fürs erste allerdings ist die Fahrt mit dem Budd-e schnell wieder vorbei: Von der Messe ausgezehrt, nicht voll geladen und im Grunde nur ein umgebauter Passat GTE, gehen bei der Studie nach ein, zwei Stunden die Lichter aus, während die Stadt ungehindert weiterfunkelt. Macht nichts, Herr Sjenar: Bis Ende des Jahrzehnts haben sie ja noch ein bisschen Zeit. Und so lange wird den Passanten schon nicht langweilig. Zumindest nicht in Las Vegas.

VW Budd-e – Das verspricht der Hersteller:

  • Motor: Elektroantrieb mit Front- und Heckmotor, Systemleistung 225 kW/306 PS
  • Fahrleistungen: in 6,9 Sek. von 0 auf 100 km/h, Spitze 180 km/h, Reichweite 533 km, Akkukapazität 92,4 kWh
  • Maße: L 4,60/B 1,94/H 1,84 m
  • Marktstart: 2019

Text: Thomas Geiger

3 Antworten zu “Traumschiff Surprise

  1. Nette Idee.
    Aber leider leider eben nicht mehr.
    Auf den Bilder fehlen übrigens die Einhörner, die um den „Budd-e“ rumfliegen… aber die wären wohl zu realistisch gewesen…

    Seit 15 Jahren hört man von den Dampfplauderern nichts anderes als:
    „Schaut her, was wir hier für tolle Studien haben, in ein paar Jahren werden die gebaut.“.
    Klarer Fall von Denkste!

  2. VW .. bla bla … und wieder dauerts fünf Jahre (Ende 2019 … also 2021) … die futuristische Innenausstattung könnte in jeden Verbrenne verbaut werden … alles nur um die Unfähigkeit VWs elektrische Autos zu produzieren abzulenken.

    Bis der am Markt kommt einer von vielen und vermutlich nicht bei den besten…

  3. Wieso so eine so eine hohe Leistung? 100Kw und nur 1 Motor ausreichend!!

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